Eben habe ich das Leben entdeckt

Eben habe ich das Leben entdeckt

Eben
habe ich das Leben entdeckt.
Es lag versteckt
unter einem unscheinbaren Stein
am Straßenrand.
Ich kniete nieder,
hob ihn hoch,
und etwas leuchtete,
alles leuchtete auf –
als hätte die Sonne hinübergeschaut
in ihrem enthobenen Lauf,
als wäre der Himmel erblaut
und ich stürmte den Hügel hinauf –
doch stand ich noch
unverwandt
mit dem Stein in der Hand…

Eben
habe ich das Leben entdeckt.
Es war verdeckt
vom Geschnatter und Geknatter
von vielzuvielen Bildschirmspielen,
von Telefonen und Megaphonen
und Megamaschinenmusik.
Nur einen Augenblick
lag der Stein in meiner Hand,
graublau
und genau
und still.
So hält Gott die ganze Welt
in seiner Hand,
ins stille goldne uferlose Licht,
und sie weiß es nicht.

Christina Egan © 2016

Caterpillar, very bright green, with crumpled leaf and edgy stone on sand.

Photograph:  Christina Egan © 2016.

Schlüsselwörter

Schlüsselwörter

I.

Himmelstreppenbauten

Die Kunst ist groß mit ihren Himmelstreppenbauten
und größer die Musik mit unerhörten Lauten;
gewebt aus weißen Daunen schwebt das Wort vorbei
und bleibt, als ob’s ein Bild aus schwerer Bronze sei.
Das Leben aber ist allein der Born des Lebens,
und ohne Liebe sinnt und schafft der Mensch vergebens.

Three letters on colourful paper, with a real flower matching the ones pictured.

II.

Schmaler Strahlenpfad

Aufflackert hier und dort ein schmaler Strahlenpfad
Gebet ist auch Geschehen; auch ein Gruß ist Tat.
O wenn die Erdenaugen es nur schauen könnten
wie sich Geschwister fraglos zueinanderwenden!
Der Engel Botenflug ist schattenlos und schnell,
doch auch der Menschen Bruderherz ein Gnadenquell.

Initial of mediaeval manuscript, filled with monks and nuns singing from such a missal on a lectern above them; in gold and bright red, blue and green

III.

Sommerabendblau

Ein sommerabendblaues Wort ist uns geschenkt,
ein sommermorgengoldnes gleich darangehängt,
die unsre Wildnis oder Wüste fern umsäumen
und mehr an Kraft enthalten, als wir uns erträumen:
Vertrauen in Bedrängnis ist uns zugeteilt
und Hoffnung auf den Himmel, der die Erde heilt.

Christina Egan © 2019


Three philosophical poems in praise of:
life and love (which can surpass art);
greeting and prayer (which can surpass deeds);
trust and hope (which can surpass strength).

Written for a community of prayer
affiliated to a Benedictine convent 
(Abtei Münsterschwarzach).


Photograph of letters: Christina Egan © 2020.
Photograph of mediaeval manuscript by Sailko
(own work) via Wikimedia Commons (
CC BY-SA 3.0). 

Orange and Turquoise (Crete)

Orange and Turquoise
(Crete)

Fresco of red crocuses on orange ground near blue water.orange and amber
the southern soil
like fresh fruit
like lush flesh

turquoise and azure
the sun-steeped sea
like human eyes
like human souls

Christina Egan © 2012


orangerot und türkis
(Kreta)

Flourishes on a mural, turquoise on luminous red and yelloorangerot
und ocker loht
die stille bucht
wie fleisch und frucht

türkis azur
der wellentanz
wie augenglanz
und aurenspur

Christina Egan © 2016

 

Decorative paper, light-blue with ripples in yellow, red, white, green.A reddish orange and a greenish blue are complementary colours and will therefore be more striking in combination. 

In the Mediterranean, strong light and heat prevail even in late September.

I found this beach at the edge of the five-thousand-year-old town of Chania on Crete.

You can read more about the bright blue and green sea in Kretische Küste and about the reddish soil in The Dittany of Crete.


Murals in the royal palace at Knossos, Crete.
Watercolour of crocuses by Arthur J. Evans: Photograph provided by Digital Bodleian Library under CC BY-NC-SA 3.0.
Photograph of spirals: Harrieta171 via Wikimedia.

Decorative paper. Photograph provided by British Library through Flickr .

Dasein (Herbstanfang)

Dasein
(Herbstanfang)

Gleich einem lichtgefleckten Fichtenpfad,
bevor die ersten schweren Tropfen fallen,
erstreckt sich der Septembernachmittag
vor uns, als sei die Welt ein Wohlgefallen.

Wir dürfen auf die Wolkenschiffe steigen
und mit dem Bussard über Wipfeln stehn!
Obgleich die Strahlen sich ab morgen neigen,
wird unsre Schale langsam sich erhöhn.

Die Dächerschar erglüht im ersten Dämmer,
das Auge badet sich in buntem Glück…
Wir können unser Dasein nicht verlängern,
vertiefen aber jeden Augenblick.

Christina Egan © 2019

Treetops and summer sky seen from below.

Photograph: Christina Egan © 2013.

Mond und Morgenstern

Mond und Morgenstern

Du könntest den Mond berühren,
den Mond und den Morgenstern.
Ich harre an offenen Türen;
du schaust nur herüber von fern.

Versäumst du die kostbare Stunde
des herbstlichen Sternschnuppenfalls?
Ich stehe mit bebendem Munde,
als seist du die Mitte des Alls.

Ich möchte dir näher begegnen,
bevor uns der Sommer entsinkt,
anstatt eine Hand zu segnen,
die nur im Vorübergehn winkt.

Ich sah, daß in deinen Augen
verlorenes Mondlicht liegt.
Ich möchte so gern an dich glauben…
Ich hätte dich gerne geliebt.

Christina Egan © 2018

Der Himmel reißt auf

Der Himmel reißt auf

Zierliche Zweige, schwarz
gegen den Honighimmel,
Pfirsichhimmel,
Flammenhimmel,
die einzelnen winzigen Blätter
klare Keilschriftzeichen
auf irdenen Tafeln,
leicht in der Hand
und schwer von Geheimnis.

Der Himmel reißt auf,
gezacktes Gewölk steigt,
spreizt sich, schwenkt Geärm,
rosa Riesenkoralle
vor blaßblauer Südsee,
zuckt auf, fällt zusammen,
zieht fort, violett verwelkt,
aschene Spur im Äther.
Welch verschwenderischer Glanz…

Christina Egan © 2017

Waiting for the Frog

Warten auf den Frosch

Warme nasse Nacht:
Ich will sehn, wie der alte Frosch
in den Teich springt!
Hockt er da drüben, glänzend?
Ach, bloß ein Bündel Blätter…

Muddy pond with waterlilies amongst greenery.

Waiting for the Frog

In the warm wet night
I want to watch the old frog
leap into the pond!
Is he crouching there, shiny?
Oh, just a bundle of leaves…

Christina Egan © 2016

Muddy pond with tadpole amongst aquatic plants.

For another tanka about frogs in honour of Basho, see In Starless Night.

Frog pond. Note the tiny tadpole! Photographs: Christina Egan © 2014.

Tabucchis Blau

Tabucchis Blau

hochsommerhimmel
über Lissabons hügeln

so blau daß es beinahe beißt
so schön daß es beinahe schmerzt

und vor der gleißenden steilen
vielfach verschachtelten stadt

ruft mit demselben trunknen blau
die bucht dir unbeirrbar zu:

du stehst immer am anfang
einer entdeckungsfahrt!

Christina Egan © 2012

Artistic impression of Mediterranean village on steep coast; landscape in orange, sea in blue, village in white

„con… il sole che splendeva, e con una città che scintillava, letteralmente scintillava sotto la sua finestra, e un azzurro, un azzurro mai visto, sostiene Pereira, di un nitore che quasi feriva gli occhi…”

Antonio Tabucchi, Sostiene Pereira

Antonio Tabucchi (1943-2012) loved Lisbon and lived there. I wrote this poem for him when he died: his last voyage would be the one to another, even more beautiful world. The last line can, however, be interpreted in many other ways.

Illustration: “Elba — Land der Esel” by Ottilie Ehlers-Kollwitz (1955). With kind permission of Galerie Klaus Spermann.

Die Welt ist still

Die Welt ist still

Ich sitze unter einem Baum
im Blätterzelt, im Schattenkreis;
die Welt ist still und bunt und heiß,
hoch oben wölbt sich weißer Flaum…
Ein Sommertraum.

Der stolze Pomp war Schall und Schaum,
die rasche Mode Funkenflug,
das Tretradtreten war Betrug!
Ich sitze unter einem Baum,
man glaubt es kaum.

Das Bildgewebe war ein Zaun,
ein Katzengold der ganze Schatz,
ein Karussell die ganze Hatz –
Die Ruhe schafft dem Atem Raum:
Frag’ nur den Baum.

Christina Egan © 2020

For English poems from the Covid-19 lockdown,
see Notnormal and the parallel texts Hidden Rivers /
Verborgne Flüsse
.

For those who were not ill with the terrible virus, 
the key experience may have been, paradoxically:
I can breathe… For once,
there was time to breathe —
and air to breathe!

Blue Cloud

Blue Cloud

Framed by the rubber
of the rolling windows,
the shifting squares
of terraced houses,

the sliding panels
of allotment fences
it appears
again:

a bolt of blue,
the sky in a cloud,
an armful of May –
my cyanothus!

And masked and
unfolding again
and past and
afloat in my eyes…

Christina Egan © 2008

Little tree with bright-blue blossom, next to pink and blue flowers.A tiny light-blue Cyanothus. The one in the poem was a massive tree with almost indigo flowers. I never cease to marvel at the blue blossom. See also Under the Blue Bloom of the Tree.

Photograph: Christina Egan © 2017.