Der Nebel hebt sich

Der Nebel hebt sich

(Schloß Fasanerie bei Fulda)

Der Nebel hebt sich,
und der Rauhreif auf den Weiden,
feine Spitze, glitzert auf.

Aus dichten Fichtenschirmen sprühn
kapellenglockenhelle
Stimmen ohne Zahl.

Ein Vöglein folgt, dort oben, sieh,
mit dunklen Flügeln, gelber Brust,
ein Sonnenstrahl!

Ein niedrer Wolkenstreif muß weichen,
und der bleiche Mond, des Dunkels Geist,
desgleichen.

Der ausgelaugte Himmel blaut,
der federnd-feste Boden taut,
gurgelt und gärt…

Noch wehrt der Winter sich,–
bezwungen ist er schon.
Die Erde atmet wieder tiefer…

Und wer nur auf den Hügel steigt
und schaut und hört und spürt,
kriegt neue Kraft und Lust!

Christina Egan © 2017

A new poetic form: three lines in each stanza, with irregular lenght and irregular rhymes — but each stanza having ten stressed syllables, with one unstressed syllable in between, making the flow of the language regular, natural and musical at the same time!

The poem was written on February 14th. The Rhön mountains have a harsh climate with long winters characterised by cold and snow and fog. All the more is spring welcome, even the early signs of it…

Vision (In den Augen den Mittag)

Vision

Woman leaning on a sandstone wall, looking out on green fields and blue ocean, her blond hair lifted by the wind.In den Augen den Mittag,
den Mittelmeermittag –
In den Haaren die Nacht,
braunsamtene Nacht –

In den Augen die Sonne,
im Wellenspiel glitzernd –
In den Haaren den Wind,
wildseidenen Wind –

Christina Egan © 2014

A luminous winter day on a Mediterranean island… or rather, the beginning of a lush spring as early as February. – Photograph: Christina Egan © 2018.

Gegenwart (Wie Kalksteinhügel)

Gegenwart

Wie Kalksteinhügel liegen deine Wangen
und deine Haare wie ein Pinienwald.
Schon zittert meine Seele vor Verlangen
nach deiner bloß erratenen Gestalt.

Ein dunkler Doppelsee sind deine Augen,
noch beinah unberührt und unergründlich.
Ob sie auch meine Zukunft in sich bergen,
ist beinah ungedacht und unerfindlich.

Und wie das warme Meer rollt deine Stimme,
wenn sich orangerot der Tagstern neigt…
O schautest du nur auf und hieltest inne –
und würdest niemals bloß Vergangenheit!

Christina Egan © 2014

Dusk by the sea: glow of sunset amongst dark clouds and on waves lapping onto the shore.

Description of a new acquaintance in terms of a Mediterranean landscape.

The title plays on the double meaning of the German word “presence” / “present”: the speaker is mesmerised by the other person and already has a faint hope that he or she will become the future… and never slide back into the past.

Sunset on a Mediterranean shore in January. – Photograph: Christina Egan © 2016.

Snow, Slow / Schnee, langsam

Patio with some plants at far end covered in thick fresh snow.Snow, Slow
(Christmas Haiku)

Snow, slow, abundant,
covering the sleek black soil
like icing-sugar.

*

Flames of real candles
in the darkened room, like stars
visiting the earth.

*

Tinsel billowing
on the fir-twigs, as if stirred
by an angel’s wing.

***

Schnee, langsam
(Weihnachtshaiku)

Schnee, langsam, reichlich,
fällt auf blanke schwarze Erde…
wie Zuckerstaub.

*

Wachskerzenflammen
im Dämmer… wie Sterne,
herniedergestiegen.

*

Lametta flattert
an Zweigen… wie angerührt
von Engelsflügeln.

 Christina Egan © 2017

 

Real candles, even made of beeswax, are still common on Christmas trees in Germany, and lametta is used more sparingly and usually silver, reminiscent of snow.

Thick snow is nowadays a rare phenomenon in England… Note the tiny Christmas tree taken out after the festive days (and later planted into the soil!). – Photograph: Christina Egan © 2018.

Eben habe ich das Leben entdeckt

Eben habe ich das Leben entdeckt

Eben
habe ich das Leben entdeckt.
Es lag versteckt
unter einem unscheinbaren Stein
am Straßenrand.
Ich kniete nieder,
hob ihn hoch,
und etwas leuchtete,
alles leuchtete auf –
als hätte die Sonne hinübergeschaut
in ihrem enthobenen Lauf,
als wäre der Himmel erblaut
und ich stürmte den Hügel hinauf –
doch stand ich noch
unverwandt
mit dem Stein in der Hand…

Eben
habe ich das Leben entdeckt.
Es war verdeckt
vom Geschnatter und Geknatter
von vielzuvielen Bildschirmspielen,
von Telefonen und Megaphonen
und Megamaschinenmusik.
Nur einen Augenblick
lag der Stein in meiner Hand,
graublau
und genau
und still.
So hält Gott die ganze Welt
in seiner Hand,
ins stille goldne uferlose Licht,
und sie weiß es nicht.

Christina Egan © 2016

Caterpillar, very bright green, with crumpled leaf and edgy stone on sand.

Photograph:  Christina Egan © 2016.

Schlüsselwörter

Schlüsselwörter

I.

Himmelstreppenbauten

Die Kunst ist groß mit ihren Himmelstreppenbauten
und größer die Musik mit unerhörten Lauten;
gewebt aus weißen Daunen schwebt das Wort vorbei
und bleibt, als ob’s ein Bild aus schwerer Bronze sei.
Das Leben aber ist allein der Born des Lebens,
und ohne Liebe sinnt und schafft der Mensch vergebens.

Three letters on colourful paper, with a real flower matching the ones pictured.

II.

Schmaler Strahlenpfad

Aufflackert hier und dort ein schmaler Strahlenpfad
Gebet ist auch Geschehen; auch ein Gruß ist Tat.
O wenn die Erdenaugen es nur schauen könnten
wie sich Geschwister fraglos zueinanderwenden!
Der Engel Botenflug ist schattenlos und schnell,
doch auch der Menschen Bruderherz ein Gnadenquell.

Initial of mediaeval manuscript, filled with monks and nuns singing from such a missal on a lectern above them; in gold and bright red, blue and green

III.

Sommerabendblau

Ein sommerabendblaues Wort ist uns geschenkt,
ein sommermorgengoldnes gleich darangehängt,
die unsre Wildnis oder Wüste fern umsäumen
und mehr an Kraft enthalten, als wir uns erträumen:
Vertrauen in Bedrängnis ist uns zugeteilt
und Hoffnung auf den Himmel, der die Erde heilt.

Christina Egan © 2019


Three philosophical poems in praise of:
life and love (which can surpass art);
greeting and prayer (which can surpass deeds);
trust and hope (which can surpass strength).

Written for a community of prayer
affiliated to a Benedictine convent 
(Abtei Münsterschwarzach).


Photograph of letters: Christina Egan © 2020.
Photograph of mediaeval manuscript by Sailko
(own work) via Wikimedia Commons (
CC BY-SA 3.0). 

Orange and Turquoise (Crete)

Orange and Turquoise
(Crete)

Fresco of red crocuses on orange ground near blue water.orange and amber
the southern soil
like fresh fruit
like lush flesh

turquoise and azure
the sun-steeped sea
like human eyes
like human souls

Christina Egan © 2012


orangerot und türkis
(Kreta)

Flourishes on a mural, turquoise on luminous red and yelloorangerot
und ocker loht
die stille bucht
wie fleisch und frucht

türkis azur
der wellentanz
wie augenglanz
und aurenspur

Christina Egan © 2016

 

Decorative paper, light-blue with ripples in yellow, red, white, green.A reddish orange and a greenish blue are complementary colours and will therefore be more striking in combination. 

In the Mediterranean, strong light and heat prevail even in late September.

I found this beach at the edge of the five-thousand-year-old town of Chania on Crete.

You can read more about the bright blue and green sea in Kretische Küste and about the reddish soil in The Dittany of Crete.


Murals in the royal palace at Knossos, Crete.
Watercolour of crocuses by Arthur J. Evans: Photograph provided by Digital Bodleian Library under CC BY-NC-SA 3.0.
Photograph of spirals: Harrieta171 via Wikimedia.

Decorative paper. Photograph provided by British Library through Flickr .

Dasein (Herbstanfang)

Dasein
(Herbstanfang)

Gleich einem lichtgefleckten Fichtenpfad,
bevor die ersten schweren Tropfen fallen,
erstreckt sich der Septembernachmittag
vor uns, als sei die Welt ein Wohlgefallen.

Wir dürfen auf die Wolkenschiffe steigen
und mit dem Bussard über Wipfeln stehn!
Obgleich die Strahlen sich ab morgen neigen,
wird unsre Schale langsam sich erhöhn.

Die Dächerschar erglüht im ersten Dämmer,
das Auge badet sich in buntem Glück…
Wir können unser Dasein nicht verlängern,
vertiefen aber jeden Augenblick.

Christina Egan © 2019

Treetops and summer sky seen from below.

Photograph: Christina Egan © 2013.

Mond und Morgenstern

Mond und Morgenstern

Du könntest den Mond berühren,
den Mond und den Morgenstern.
Ich harre an offenen Türen;
du schaust nur herüber von fern.

Versäumst du die kostbare Stunde
des herbstlichen Sternschnuppenfalls?
Ich stehe mit bebendem Munde,
als seist du die Mitte des Alls.

Ich möchte dir näher begegnen,
bevor uns der Sommer entsinkt,
anstatt eine Hand zu segnen,
die nur im Vorübergehn winkt.

Ich sah, daß in deinen Augen
verlorenes Mondlicht liegt.
Ich möchte so gern an dich glauben…
Ich hätte dich gerne geliebt.

Christina Egan © 2018

Der Himmel reißt auf

Der Himmel reißt auf

Zierliche Zweige, schwarz
gegen den Honighimmel,
Pfirsichhimmel,
Flammenhimmel,
die einzelnen winzigen Blätter
klare Keilschriftzeichen
auf irdenen Tafeln,
leicht in der Hand
und schwer von Geheimnis.

Der Himmel reißt auf,
gezacktes Gewölk steigt,
spreizt sich, schwenkt Geärm,
rosa Riesenkoralle
vor blaßblauer Südsee,
zuckt auf, fällt zusammen,
zieht fort, violett verwelkt,
aschene Spur im Äther.
Welch verschwenderischer Glanz…

Christina Egan © 2017