November (Im dunkelblauen Nebel)

November

Im dunkelblauen Nebel liegen
gelöst mein Haus und Park.
Mein Herz hat einen Traum erstiegen
und hebt sich still und stark.

Der Herbst hat Gold um Gold gewonnen
mit schmerzloser Gewalt.
Das Mondlicht ist für mich geronnen
zu lieblicher Gestalt.

Christina Egan © 2010

This must be one of the happiest late-autumn poems ever:
exuding peace, evoking beauty, steeped in blue and gold!

Tretet sachte / inselwärts

Tretet sachte

Rows of headstones, weathered, covered in lichen, tilted, sunlit

Heerscharen von Grabsteinen,
polierte und verwitterte;
Siedlungen von Ruhestätten,
begrünte und verwilderte;
Geschlechter von Toten,
bekränzte, unbesungene
und unbekannte auch.

O tausend Häuser von Träumen –
und jeder gescheitert zuletzt.

Edge of tomb, with weeds outside and inside

Und dazwischen verstreut
das ungeheure Volk
der Niegeborenen,
der Niegesehenen,
der Niegerufenen,
namenloser als namenlos
und ohne Granit zum Gedenken.

Tretet sachte im Grase,
das feucht ist von lautlosen Tränen.

Christina Egan © 2014

Pond in park, surrounded by bare trees, with tiny island

inselwärts

wenn nieselregen bach und teich benetzt
und warmer wind die blütenrispen regt
betrete ich das gräberfeld zuletzt
wo kein granitstein deinen namen trägt

vom gittertor das grünen frieden wahrt
bis an den wüstenroten obelisk
such ich geheime initialen zart
auf grauer buchenrinde eingeritzt

in goldnen rosen ahn ich dein gesicht
dein lächeln in dem bächlein das erblitzt
und deine stimme wenn die amsel spricht
die sonne flutet – o wo bist du jetzt?

o niemand weiß von dir und niemand sieht
ein spitzes schwert hängt über meinem herz
ich breche eine rose die verblüht
und werf sie in die binsen inselwärts

Christina Egan © 2014

Photographs: Christina Egan © 2013/2014

Neunundneunzig Farben / Wirrsal

Neunundneunzig Farben

Neunundneunzig Farben hat der Himmel,
der Gezeiten und Geschöpf regiert.
Neunundneunzig Namen hat der Geist,
der brennend und behutsam unsern führt.

Christina Egan © 2015

Wirrsal und Schicksal

Es scheint, als herrsche Wirrsal und nicht Schicksal,
oder ein Gott, der türmt und niederreißt,–
doch unter allen Wogen spannt sich Stille,
und hinter allen Stürmen wirkt der Geist.

Christina Egan © 2015

Whether the universe around us appears, at one time or another, harmonious and purposeful  or violent and meaningless: the Spirit of God reigns invisibly, but powerfully, creating peace and clarity.

These poems draw from religions other than my own, Christianity; and  I hope they also speak to people of other religions, or indeed, no formal religion.

When Webs of Steel / Von stählernen Waben

When Webs of Steel

When webs of steel and walls of glass
confine you to a square of grass –
stand still and feel your sap pulsate:
You have a face. You have a fate.

When no one listens, no one knows you,
when no one loves you or else shows you,
take a deep breath – take two – take cheer:
I know, across the seas. I’m here.

Christina Egan © 2009

Von stählernen Waben

Von stählernen Waben und gläsernen Wänden
beschränkt auf ein spärliches gräsernes Eck,
steh’ stille und spüre dein Blut in den Händen:
Du hast ein Gesicht; und du hast ein Geschick.

Will keiner dich kennen, verstehen und lieben,
gibt keiner verborgene Neigungen her,
hol’ Atem  hol’ Atem und freudich am Leben:
Ich weiß es ja, bin ja bei dir übers Meer!

Christina Egan © 2015

In these lines, the anonymous and monotonous modern life described in Amidst the rush / Schrumpft die Welt and höhlenmenschen / cavemen
is overcome: whenever individuals become aware of themselves — and appreciate each other — as unique personalities.

This poem may be declaring love or expressing affection between family members or close friends.

Der bunte Staub / The Multi-Coloured Dust

Der bunte Staub

Der bunte Staub auf meinem Fensterbrett
– ein Häufchen Blütenblätter, ausgebleicht –
verwandelt sich im Abendsonnenlicht
in einen Schatz, dem kein Geschmeide gleicht.

Christina Egan © 2014

Little vase with flowers in lemon yellow, pale blue, deep pink and red; some petals scattered beneath; garden in background.

The Multi-Coloured Dust

The multi-coloured dust flocks on my desk 
– a heap of petals fading gradually –
gets now transformed by sunshine from the West
into a hoard surpassing jewellery.

Christina Egan © 2015

You can also find petals decaying to dust in the
German hymn Spiritum Sanctum vivificantem.

Photograph: Christina Egan © 2013

Sommergewitter am Meer

Sommergewitter am Meer

Das Meer lag wie ein Teppich,
die Sonne sank mit Prunk.
Die Nacht fiel lau und lieblich,
der Mond stieg stolz und rund.

Der Himmel rührt das Wasser
und zaust den Wald – und jetzt –
ein Tropfen, Klopfen, Prasseln –
und jetzt – der erste Blitz!

Doch in die wilden Zacken,
Licht sonder Maß und Zahl,
dreht eine Leuchtturmfackel
den stillen breiten Strahl.

Christina Egan © 2015

This composition of bright moonshine, wild lightning,
and flashing lighthouse fire recalls the Darß (Darss) at
the very edge of Germany.

You can find more verse on the Baltic Sea in summer
at ostseeschlaflied and Midsummernight Far North,
and when you type ‘Darss’ into the search box.

Schöpfung (Darß)

Schöpfung
(Darß)

I.

schwebend zwischen ungeheuern
wassern und verwunschnen teichen
will die erde sich erneuern
wälder zeugen dünen häufen

II.

wird die see den see erwählen
kraft die ruhe salz die süße
muß sich blau dem grau vermählen
daß es ineinanderfließe

III.

wie die schaumgekrönte göttin
einst dem wilden meer entstieg
so dem bloßen sand die blüte
und dem wüsten schmerz das lied

Christina Egan © 2015


On the Darß (Darss), you can observe ‘Creation’ at work:
between ocean and ponds, between dunes and woods.

The last poem describes the ‘Creation’ of art as another
natural, elemental, process: beauty born out of pain.

You can read an English poem about the Darss at
Midsummernight Far North.

Parallel English and German poems about a similar
phenomenon on the German North Sea coast are at
Views of North Sea Islands.

Verkündigung (In meine helle Stille)

Verkündigung

Church portal with iron lantern seen through window with grate; all light-grey and light-blueIn meine helle Stille
fiel Gottes hohes Wort…
Geschehe denn sein Wille
an diesem schlichten Ort,
geschehe denn sein Wirken
an diesem Gnadentag,
daß meine ferne Seele
nun seinen Funken trag’,
bis dieser armen Erde
ein neuer Morgen blaut
und jeder Mensch voll Wunder
in Gottes Auge schaut.

Christina Egan ©2014

Since the ‘Annunciation’ of God’s salvation for this earth to Mary,
everyone can gain eternal hope and immediate access to God.

This poem has been published in the Münsterschwarzacher Bildkalender 2016.

Photograph: Church of Mary as Queen of Peace. Christina Egan ©2014


Muschellied

Muschellied

Ich gab dir keinen Schwur, nur
eine Muschel:
Doch in ihr sprach das Meer und
sprach mein Herz.

Kaum schloß ich meinen Brief, zer-
brach die Muschel…
Und mit dem kleinen Knirschen
brach mein Herz.

Christina Egan © 2012

Broad sandy beach in golden sunset, with sea shells and sea-gulls like grey specks

Atlantic Ocean at Essaouira, Morocco.
Photograph: Christina Egan © 2012