vermächtnis

vermächtnis

und wieder dünen. wieder hohes gras.
und meer und himmel hier mit urgewalt.
und wieder du in deiner wohlgestalt.
und mein verlangen sanft und ohne maß.

ich tauch in deine lichten augen ein…
das meer entweicht. es war nur wellenschaum.
der tag verbleicht. du warst ein sommertraum.
ich bin allein am strand. ich bin allein.

wie mars in seinem kupferfarbnen glanz
entsteigt dem wall des kiefernwalds dein bild.
die brandung klopft. und klopft. der boden quillt.
ich kröne dich mit meiner verse kranz.

Christina Egan © 2015

Golden dune, green grass and shrubs, deep-blue sky.

 

This is my poem of the year 2015! It is, as the title states, my Bequest.

Like many other poems, it was inspired by a holiday on the Darss.

 

“Dune in Nature reserve Darßer Ort, Baltic Sea”. Photograph: Andreas Tille via Wikimedia Commons.

In Praise of Darkness / Lob des Dunkels

In Praise of Darkness

This winter, when the day shrinks
like a lake swallowed by desert,
my lyre shall not praise the light
but the darkness.

When I rise before the sun
and a candle dazzles the eyes,
I will give it space,
watch it dance, entranced.

We have switched on the bright light
and the non-stop stereo sound:
we have switched off the darkness,
the silence, the peace.

Christina Egan © 2015

Lob des Dunkels

Diesen Winter, wenn der Tag schrumpft
wie ein See, von Wüste verschlungen,
lobe meine Leier nicht das Licht,
sondern das Dunkel.

Wenn ich mich vor der Sonne erhebe
und eine Kerze das Auge blendet,
werde ich ihr Raum gewähren,
wie sie tanzt, entzückt betrachten.

Eingeschaltet hat man das helle Licht
und den unablässigen Stereoton;
ausgeschaltet hat man das Dunkel,
die Stille, den Frieden.

Christina Egan © 2015

Much of my work  praises light: sunshine,
summer, solstice; sunrise, noon, sunset…

Yet we need darkness, too: to make the light
shine brighter, to make other sources of light
visible, to gain inner peace.

My previous post, Januarsonne, rejoices in
sunshine in midwinter!

Januarsonne (Heidelberg, Philosophenweg)

Januarsonne
(Heidelberg, Philosophenweg)

Zuweilen sammelt die Januarsonne
nach dämmrigem Tag ihre sinkende Kraft
so wie nach verdorrendem Leben ein Mensch
sein Herz in die einzige Leidenschaft,

und grün flammen Hügel auf, golden die Brücke,
das Moos und die schlängelnden Stufen im Hang,–
die Salamandergewalt des Sommers
regiert eine magische Stunde lang.

Christina Egan © 2005

In the midst of winter, a grey northern valley, bridge, and
path can flare up green and golden — like salamanders!

The ‘Philosophers’ Path’ appears to work in inspiring
‘poets and thinkers’, as the Germans like to be known…!

Where Road and River Meet

Where Road and River Meet
(Ambrussum, France)

I hold the echo of a thousand feet,
of hob-nailed sandals and of dainty boots;
I hold the echo of a thousand wheels,
of carts and coaches and a thousand hooves.

My inside holds the echo of the waves,
the splashing of the oars, of hands and feet,
the shouts and sighs of children and of slaves:
I am the arch where road and river meet.

I have withstood the floods, withstood the storms;
of once eleven comrades, I’m the last.
I guard the memory with sturdy arms:
I’ll hold your voices, too, when you have passed.

Christina Egan © 2015

Überm Fluß
(Ambrussum, Frankreich)

Den Nachhall halte ich von tausend Schritten,
Sandalen grob und Stiefeln elegant,
den Nachhall auch von tausend Rädern, Ritten,
von Karren und von Kutschen über Land.

Mein Hohlraum widerhallt vom Wellenschlagen,
vom frischen Klatsch von Ruder, Hand und Fuß,
von Seufzer oder Ruf von Kindern, Sklaven:
Ich bin der Brückenbogen überm Fluß.

Ich widerstand den Fluten und den Stürmen;
elf Kameraden einst,nur ich blieb stehn.
Gedenken sammle ich mit starken Armen —
und eure Stimmen im Vorübergehn.

Christina Egan © 2015

Grey Roman arch on two bridge pillars between blue water and blue sky

The remaining arch of the  Pont Ambroix at Ambrussum, once part of the Via Domitia from Italy through France to Spain.


Photograph: By Clem Rutter, Rochester, Kent, via Wikimedia Commons.

I begin this year’s posts like last years’: with a Roman road !

Kretische Küste

Kretische Küste

I.

Vor mir ein grünes Meer, ein roter Strand
und hinter mir die himmelhohe Wand
der Weißen Berge, mit Gesträuch schraffiert,
mit Schluchten aufgeteilt, vom Mond berührt.

Es schwindelt mich, so schroff ist es und schön…
ich möchte mitten ins Gebirge gehn,
als sei es eines Mannes Wohlgestalt
und berge sein Gemüt in jedem Spalt.

II.

Der kupferfarbne Sand wird doch zu Gold,
wo er in steiler Woge niederrollt
und sich mit jenem Brennendblau benetzt,
das kommt und nochmals kommt… und jetzt… und jetzt.

Und Disteln starren in dem dürren Strand,
die plötzlich strahlen wie von Zauberhand,
wenn erster Regen flüchtig niedersteigt
und Brautkleidblüten aus den Blättern treibt!

III.

Wo täglich Himmel sich mit Meer vermählt
und Landes Rand von anderm Strand erzählt,
wo trockne Erde wie der Tagstern loht
von silbriggold bis zu orangerot,

wo noch bei Nacht das Wasser, kaum bewegt,
den Leib in schwerelosem Zauber trägt,
bis in das sanfte Schwarz ein Schweifstern stürzt –
dort laß uns warten auf den milden Herbst.

IV.

Mit riesenhaften grünen Pranken greift
das Meer hinein in den geschützten Kreis
des kleinen Hafens, daß die Mole schäumt
und sich die bunte Schar der Boote bäumt.

Des späten Herbstes erstes Fauchen fährt
in letzte schwere Hitze wie ein Schwert.
Fünftausend Jahre aber ragt die Stadt
ins Element, gelassen, sonnensatt.

Christina Egan © 2014

Flourishes on a mural, turquoise on luminous red and yello

For more poetry and information
on Knossos 
and Chania on Crete
see my English poems
The Pattern of a Yesterday and
Golden Dell.

 

Frieze in the royal palace at Knossos, Crete.
Photograph: Harrieta171 via Wikimedia.

Spätherbst (Feuer der Erde)

Spätherbst

Feuer der Erde
trieft aus den Früchten,
fließt aus dem Efeu,
sprüht aus den Dahlien,
fächert in Blättern,
schießt in Raketen,
fällt in Gestirnen,
tropft in Laternen.

Dann wandert die Sonne
nach innen,
in kerzenverzauberte Kirchen,
in wundererwartende Mienen,
in goldbestickte Musik.

Christina Egan © 2010

These lines refer to German winter customs,
which actually go far beyond Christmas:
after the fiery glow of autumn leaves, berries,
and flowers has gone, at certain times between
November and February
paper lanterns, real
candles, fireworks,
and bonfires are summoned
to dispel the gloom and cold!

November (Im dunkelblauen Nebel)

November

Im dunkelblauen Nebel liegen
gelöst mein Haus und Park.
Mein Herz hat einen Traum erstiegen
und hebt sich still und stark.

Der Herbst hat Gold um Gold gewonnen
mit schmerzloser Gewalt.
Das Mondlicht ist für mich geronnen
zu lieblicher Gestalt.

Christina Egan © 2010

This must be one of the happiest late-autumn poems ever:
exuding peace, evoking beauty, steeped in blue and gold!

Tretet sachte / inselwärts

Tretet sachte

Rows of headstones, weathered, covered in lichen, tilted, sunlit

Heerscharen von Grabsteinen,
polierte und verwitterte;
Siedlungen von Ruhestätten,
begrünte und verwilderte;
Geschlechter von Toten,
bekränzte, unbesungene
und unbekannte auch.

O tausend Häuser von Träumen –
und jeder gescheitert zuletzt.

Edge of tomb, with weeds outside and inside

Und dazwischen verstreut
das ungeheure Volk
der Niegeborenen,
der Niegesehenen,
der Niegerufenen,
namenloser als namenlos
und ohne Granit zum Gedenken.

Tretet sachte im Grase,
das feucht ist von lautlosen Tränen.

Christina Egan © 2014

Pond in park, surrounded by bare trees, with tiny island

inselwärts

wenn nieselregen bach und teich benetzt
und warmer wind die blütenrispen regt
betrete ich das gräberfeld zuletzt
wo kein granitstein deinen namen trägt

vom gittertor das grünen frieden wahrt
bis an den wüstenroten obelisk
such ich geheime initialen zart
auf grauer buchenrinde eingeritzt

in goldnen rosen ahn ich dein gesicht
dein lächeln in dem bächlein das erblitzt
und deine stimme wenn die amsel spricht
die sonne flutet – o wo bist du jetzt?

o niemand weiß von dir und niemand sieht
ein spitzes schwert hängt über meinem herz
ich breche eine rose die verblüht
und werf sie in die binsen inselwärts

Christina Egan © 2014

Photographs: Christina Egan © 2013/2014

Neunundneunzig Farben / Wirrsal

Neunundneunzig Farben

Neunundneunzig Farben hat der Himmel,
der Gezeiten und Geschöpf regiert.
Neunundneunzig Namen hat der Geist,
der brennend und behutsam unsern führt.

Christina Egan © 2015

Wirrsal und Schicksal

Es scheint, als herrsche Wirrsal und nicht Schicksal,
oder ein Gott, der türmt und niederreißt,–
doch unter allen Wogen spannt sich Stille,
und hinter allen Stürmen wirkt der Geist.

Christina Egan © 2015

Whether the universe around us appears, at one time or another, harmonious and purposeful  or violent and meaningless: the Spirit of God reigns invisibly, but powerfully, creating peace and clarity.

These poems draw from religions other than my own, Christianity; and  I hope they also speak to people of other religions, or indeed, no formal religion.