Kupferheer / Mondenkraft

*

Mondenkraft

Niemals aber enttäuscht
der Mond, ob Sichel,
ob Korb oder Schild,
ob offenes Tor,

ob gleißendes Weißgold,
dem Morgenstern gleich,
ob mattes Perlmutt,
von Buntheit behaucht…

Niemals verweigert
der Mond dem Meere
die Kraft, nie den Glanz
den dürstenden Gliedern,

ja, noch durch Nebel,
Gewölk und Gewitter
verströmt er Frieden,
bewegt er das Blut.

Christina Egan ©2023

Copper Army and Moon Force were written on the same day. Why is the planet Mars deemed to bring anger and our Moon to cause melancholy? According to these poems, the planet Mars gives courage and force, while the Moon grants calm and force!

Promise / Verheißung


Promise (January Tanka)

Beach of coal-black sand,
turquoise lagoon, pink sunrise:
all this in one sky.
Layers of cloud, air, and fire
above the cold waiting earth.

*

Under the full moon
the denuded twigs rejoice
– look! – studded with buds.
Beneath the skin of the trees
– listen! – the sap is brewing.

Christina Egan ©2022



Verheißung (Januar-Tanka)

Schwarz, türkis, rosa:
Strand, See und Sonnenaufgang
im selben Himmel.
Wolken, Luft, Feuer über
kalter wartender Erde.

*

Entblößtes Gezweig
jubelt unterm Vollmond – schau! –
mit Knospen besetzt.
Unter der Haut der Bäume
– lausche nur! – brauen die Säfte.

Christina Egan ©2022


The colourful landscape was a mirage in the sky, or a promise, over the dull lands of winter. There are indeed deep-black beaches, on the Azores or the Canaruy Islands for instance, and they might be warm even in January…

Mandelmond

Mandelmond

Im kühlen Blaßblau wölbt sich
ein großer halber Mond:
Was ausblieb, das erfüllt sich.
Es hat sich doch gelohnt,

zu warten bis zum Abend
aufs goldne Wolkenschiff,
nach jenem Stern zu fragen,
den dir das Schicksal schliff.

Du streiftest über Fluchten,
nach Gipfeln griffst du aus
und stiegst durch Wald und Schluchten,
als reistest du nach Haus.

Der Stern taucht aus der Leere.
Es hat sich doch gelohnt
für jene Wolkenfähre
und jenen Mandelmond.

Christina Egan ©2021

unter der weide

unter der weide

I.

als das rundzelt
der weide
sich sachte
bauschte

als der pilgerzug
der pappeln
silbern
rauschte

als das erdreich
im abendrot
lag und
lauschte

als die stille
sprach
brach
mein herz

brach auf
wie eine kokosnuß
voll süßer milch
und weißem mark

II.

wer kostet
meine worte
wer liest
meine blicke

wer wartet
auf mich
unter der weide
im windhauch

wer wartet
mit mir
auf den neuen mond
auf den ersten stern

als wäre das morgen
noch möglich
als wäre das leben
noch herrlich

mein blick fing
die sternschnuppe
wer liest uns
ihre botschaft

III.

heu bedeckt
die krume
schweiß bedeckt
die haut

blumen
leuchten
nicht himmelblau
blauer als himmel

blumen
brennen
nicht feuerrot
röter als feuer

die trauerweide birgt
ein stummes gebet
meine arme wiegen
einen neuen traum

auf der stirne
trage ich
einen kuß
wie ein juwel

Christina Egan ©2021

My City Calls (Visual poetry)

Poem "My City Calls" typed up in the shape of a city, including a Gothic Cathedral. In the sky, chimes, smoke, snow or rain, typed in special characters.
Inscription "C.C.A.A.", very clear, on old broken stone monument.
Poem "My City Calls" typed up in the shape of a church bell, with some ornaments of special characters.

Visual poems My City Calls (Cityscape) and My City Calls (Church Bell). Christina Egan ©2024. Developed from the text My City Calls (1995/2012).

Mitte des Lebens / alles ist möglich

Mitte des Lebens

Das Leben hatte Überfluß versprochen
und sog dich an, ein buntes Labyrinth;
schon mittendrin hat es sein Wort gebrochen,
und deine Klagen stürzen in den Wind.
Was auch von heute an geschehen möge,
mag unerwartet sein und wunderbar,
du magst’s als Lust erfahren oder Segen,–
doch ist es nicht, was dir verheißen war.

Garden furniture jumbled up by storm in front of old wooden shed.
Photograph: Christina Egan ©2012.

Die Zeit flieht schneller, immer schneller hin,
und desto mehr, je weniger verbleibt…
Die Hoffnung, die doch unerschöpflich schien,
verkehrt sich langsam doch in Bitterkeit:
Denn zuviel Tun und Trachten war vergebens
– auch jenes, das vernünftig war und rein –
und wird es bleiben, trotz geballten Strebens,
und war vergebens schon von vornherein.

Christina Egan ©2013


Tiny weeds coming out of cracks, with their shadows.
Photograph: Christina Egan ©2020.

Two philosophical poem with few images.

The first one surveys someone’s life, with joys and blessings and surprises still ahead, but with prospects already limited and some hopes crushed.

The second poem breathes awareness, acceptance, confidence: “Everything is important… Everything is possible”! Is it about life in the moment?

Reife Feige

O Land of Ice and Fire

Past Poppies / Zimtsterne

drachenschwanz

drachenschwanz

zehn jahre nach dem
blitzschlag
vorm bildschirm
und der wirklichgewordenen
sonnenwende
im büro mache ich schluß
mit der nichtbeziehung.

die blauen briefe
die taumelnden
niegelesenen
nieabgeschickten
fliegen endlich
in den reißwolf
denn du hast durchweg
ausdrücklich
geschwiegen.

mondenhelle augen
und kein lichtstrahl
fiel auf mich
wellenschlag der stimme
und kein wörtchen
fiel mir zu.

die aufgehäuften gedichte
geschliffen und gleißend
sind alle noch da
berstend von bildern
die sich auffächern
vom ersten goldfisch
bis zum letzten falken.

schweres gebräu
gefiltert
zum salböl
und abgefüllt in die phiolen
von zweimal zwei reimen
oder vierzehn zeilen.

den drachenschwanz
der letzten wortkette
hänge ich in die wolken
für die nachwelt.

Christina Egan ©2024

Black triangular kite with long red tail in turquoise sky.