Reife Feige
Aufs Pflaster klatscht die Feige,
verlockend süß und groß.
Mein Herz ringt, daß es schweige
und weint und lacht doch bloß.
Es trübt sich und es regnet
und leuchtet wieder neu…
Mir ist das Glück begegnet,
es ging heut früh vorbei.
Es ging mit festen Schritten
und grüßte mich, als ob
auf ungesagte Bitten
es käme her von Gott.
Ich hebe jene Feige
aus ihrem Schattengrund
und koste ihre Reife
mit überraschtem Mund.
Sie will mich trösten, nähren,
unsagbar, unverhofft.
Das Glück wird wiederkehren:
Ich lausche, ob es klopft.
Christina Egan ©2021
German Poems
O Land of Ice and Fire
O Land von Eis und Feuer
O Land von Eis und Feuer,
von Salz und Sturm und Schlacken,
wo in der Schwärze Schleier
aus bunter Seide flattern!
O Land von heißen Felsen
und unverhofften Wiesen,
wo Elemente schmelzen
und rauschend weiterfließen!
O Land am Rand der Meere,
am Rand von Raum und Zeit –
O ungeheure Leere
und Himmelsherrlichkeit!
Christina Egan ©2022
O Land of Ice and fire
O land of ice and fire,
of salt and storm and slag,
where in the black a layer
of light hangs like a flag!
O land of seething sands
and sudden dazzling green,
where melting elements
merge in a roaring stream!
O land beyond the seas,
where space and time disperse –
O awesome emptiness
and force of higher worlds!
Christina Egan ©2022
Past Poppies / Zimtsterne
In the Past, there were Poppies
In the past, there were poppies
amidst the cornfields,
and coconut chocolates,
and stars in the sky.
Starships, too, shooting
through tunnels in time –
we would doubtlessly board them
on the boundless quest.
Christina Egan ©2022
Nach Zimtsternen duftete die Welt
Nach Zimtsternen duftete die Welt
oder nach Zwetschgenkuchen und Kakao.
Jeder Morgen war ein Malkasten,
und jegliches Wetter machte Spaß.
Mit dem Strandkorb segelte man übers Meer
und mit dem Stockbett sogar unterm Meer.
Und übermorgen wäre man wirklich dort,
auf Madagaskar oder auf der Alm.
Christina Egan ©2024
The German poem was written as a pendant to the English poem. For children, there is no need for confidence or hope: their belief in the future is so firm that it feels like knowledge. There is no doubt you will be an explorer or an inventor or an artist, or a mother or father, or anything else…
The poppies and the stars are not just images for the happiness of childhood: there were flowers in the crop fields before pesticides eradicated them, and there were more stars visible until pollution veiled them. ‘Cinnamon stars’ are typical Christmas biscuits and cake covered with fresh plums a typical summer treat.
I suppose the ideas for travelling over land, over sea, under the sea, and in outer space stem from the timeless masterpiece Heidi, the unsurpassable television series Star Trek, the science-fiction novel Twenty Thousand Leagues Under the Sea, and the documentary novel for children, Monika fährt nach Madagaskar.
drachenschwanz
drachenschwanz
zehn jahre nach dem
blitzschlag
vorm bildschirm
und der wirklichgewordenen
sonnenwende
im büro mache ich schluß
mit der nichtbeziehung.
die blauen briefe
die taumelnden
niegelesenen
nieabgeschickten
fliegen endlich
in den reißwolf
denn du hast durchweg
ausdrücklich
geschwiegen.
mondenhelle augen
und kein lichtstrahl
fiel auf mich
wellenschlag der stimme
und kein wörtchen
fiel mir zu.
die aufgehäuften gedichte
geschliffen und gleißend
sind alle noch da
berstend von bildern
die sich auffächern
vom ersten goldfisch
bis zum letzten falken.
schweres gebräu
gefiltert
zum salböl
und abgefüllt in die phiolen
von zweimal zwei reimen
oder vierzehn zeilen.
den drachenschwanz
der letzten wortkette
hänge ich in die wolken
für die nachwelt.
Christina Egan ©2024

Vigil (Du bist die Hand / Your Distant Hand)
Vigil (V)
Du bist die Hand, die mein Gebetbuch hält
in aller Frühe, wenn die laute Welt
noch schlummert wie ein müdgetobtes Kind
und wir die Stimme ihrer Träume sind.
Wir sind der Psalm, der aus der Erde steigt,
wenn Nachtwind noch die Wiesenblumen neigt,
das erste Wechsellied im Weizenfeld…
Du bist die Hand, die mein Gebetbuch hält.
Christina Egan ©1990
Vigil (V)
At dawn, the noisy and unruly world,
just like a tired child, has not yet stirred.
We are the voice of all its dreams: we stand,
my hymnal lifted by your distant hand.
We are the psalm arising from the earth
while night wind is still bending blooming herbs.
We are the chant across the ripening land…
My hymnal lifted by your distant hand.
Christina Egan ©2018
These lines describe the early-morning prayer of Christian monks and nuns: standing up and bowing, chanting and responding to each other… They also imagine an invisible connection between two of them — good friends perhaps, close relatives, or former lovers — who feel that they are praying together across the distance between them.
Photograph: By ignis – Own work, CC BY-SA 3.0.
Psalm (Lachen werden die Seen)
Psalm
(Lachen werden die Seen)
Noch einmal schlagen die Glocken
und schweigen. Tief atmet endlich der See.
Im Laube schweben gleich geronnenem Licht
Tupfer von weichem Weiß und Gelb.
Duftend, betäubend bäumt sich die Erde
ungezähmt in den späten Himmel.
Auf dunkelgoldenen Schwingen
naht von den Bergen die Nacht;
selten sanft und blau wird sie sein
und sterngeschmückt wie eine Braut.
Tanzen, tanzen werden die Berge,
und lachen, lachen werden die Seen!
Christina Egan ©2011
Let the floods clap their hands / let the hills be joyful together!
Die Ströme sollen frohlocken / und die Berge seien fröhlich!
Psalm 98,8
Northern Tenerife in January! Taoro Parque, Puerto de la Cruz.
Photograph: Christina Egan ©2019.
Kreuzung / Vollmondtraum
Kreuzung
Zwei unbekannte Augenpaare
begegnen sich mit einemmal:
Ein Windstoß fährt durch dunkle Haare;
auf goldnen Haaren glimmt ein Strahl.
Und plötzlich kreuzen sich die Schritte,
als pflügten sie denselben Ort.
Ein Lächeln liegt auf deinen Lippen;
auf meinen Lippen brennt ein Wort.
Christina Egan ©2021
***
Vollmondtraum
Klare Sterne schreiben heute
eine Botschaft in den Raum:
Du bist meine neue Freude,
dein Gesicht mein Vollmondtraum.
Frag’ nicht deinen grellen Spiegel,
wer der Schönste sei im Land:
Hält mein Sinn doch kaum die Zügel,
ist mein Blick doch schon gebannt.
Frag’ nicht, was an dir verwelke,
was verblasse übers Jahr:
wichtig ist mir jedes Fältchen,
kostbar jedes graue Haar.
Frag’ nicht, was dir heute fehle,–
heute habe ich dich gern.
Sieh, dir leuchtet deine Seele
aus den Augen wie ein Stern.
Christina Egan ©2021
One poem has a person with dark hair and a person with fair hair falling in love at first sight. In German, the words for ‘junction’ and ‘to cross’ come from the same root: ‘Kreuzung’ and ‘kreuzen’.
The other poem describes a beautiful beloved man (or, by changing one word, a woman) with greying hair. The stars write the lover’s delight onto the sky, and the beloved one’s soul shines like a star.
Hinweisschilder
Hinweisschilder
I.
Dies Gedicht hat keine Bilder,
denn die Welt ist ein Gedicht!
Überall sind Hinweisschilder,
überall Scheinwerferlicht!
Doch wir tappen durch die Tage,
rumpeln, rempeln, fallen hin.
Sehn wir je, dann ohne Farbe,
ohne Muster, ohne Sinn.
II.
Manches wird herbeigeschafft,
anderes herbeigeschaffen.
Manches wird herangerafft,
anderes herangelassen.
Manches wird herbeigeredet,
anderes herbeigeschrieben,
manches auch herbeigebetet
oder gar herbeigeschwiegen.
Christina Egan ©2024
You may wonder why I label philosophical musings “Religion” or why my poems on “Religion” do not refer more to a certain creed. Yet for me personally, there is no philosophy without religion. God is present everywhere, whether we feel it or not, and our life is a search for God, whether we know it or not.
As regards Christianity, my poetry is very much inspired by the Scriptures, the hymns, the liturgy, the imagery. I probably owe more to Martin Luther than to any other writer. All German speakers do. It also seems to me that in this secular society, I would most put people off by mentioning that I am a Catholic.
Unterm Abendstern
Unterm Abendstern
I.
Sternenklar
Im Dämmer schwebt der neugeborne Mond,
ein unhörbares Gutenachtgeläute.
Die Amsel, die auf der Antenne thront,
ruft sternenklar… Mein Herz zerspringt vor Freude.
II.
Pflücken
Und immer wieder Amsel, Mond und Rose,
und immer wieder Wehmut und Entzücken…
Und unterm Abendstern das grenzenlose
Verlangen, diesen Augenblick zu pflücken.
III.
Xylophon
Ich brauche nichts als diese Vorstadtstraße,
den Blattgoldhimmel und den Vogelruf,–
und dann das klare Xylophon der Sprache,
die Hunderte verklärter Verse schuf.
Christina Egan ©2019
Written in June, when the days are longest and the life-giving beauty of summer unfolds.
The senses mingle: the moon’s light is as bright as a bell and the blackbird’s call is as bright as a star.
The poems themselves are an echo of starlight and birdsong, created on the xylophone of language.
The subject of art can be as small as a summer evening above a random street– as small and as great.
rosengarten (II. sprühendgrau)
rosengarten
II.
sprühendgrau
die ungeahnten sonnenglanz vergießen
die regenschauer und den regenbogen
zu einem milden meeresgrau verwoben
die augen sollen meine verse grüßen.
dem nebelland das immerkalte wogen
in ungestümem reigentanz umschließen
den inseln voller sprühendgrüner wiesen
sind jene augen ursprünglich enthoben.
drum frag ich nicht nach lilien und lavendel
die flammen sprühen auf gebeugtem stengel
noch nach des südens uferlosem blau
nichts brauche ich als meinen kleinen garten
wo alle wunder lächelnd meiner warten
die bunte welt geballt in sprühendgrau.
Christina Egan ©2023
This sonnet is part of a cycle of 14 poems, whereby each line of the first one (rosengarten I. tiefversteckt) furnishes the first line of a new sonnet.
The island described here is Ireland, but the cycle takes you to other islands, as well as to the palace gardens of Würzburg, Germany, which first inspired me.
Word cloud of colours in the German sonnet cycle (rosengarten I-XIV), generated on the Simple Word Cloud Generator. In the middle are “colourful”, “green”, and “golden”. Since the colours of the roses are not described, the roses themselves are added.



