Mandelmond

Mandelmond

Im kühlen Blaßblau wölbt sich
ein großer halber Mond:
Was ausblieb, das erfüllt sich.
Es hat sich doch gelohnt,

zu warten bis zum Abend
aufs goldne Wolkenschiff,
nach jenem Stern zu fragen,
den dir das Schicksal schliff.

Du streiftest über Fluchten,
nach Gipfeln griffst du aus
und stiegst durch Wald und Schluchten,
als reistest du nach Haus.

Der Stern taucht aus der Leere.
Es hat sich doch gelohnt
für jene Wolkenfähre
und jenen Mandelmond.

Christina Egan ©2021

unter der weide

unter der weide

I.

als das rundzelt
der weide
sich sachte
bauschte

als der pilgerzug
der pappeln
silbern
rauschte

als das erdreich
im abendrot
lag und
lauschte

als die stille
sprach
brach
mein herz

brach auf
wie eine kokosnuß
voll süßer milch
und weißem mark

II.

wer kostet
meine worte
wer liest
meine blicke

wer wartet
auf mich
unter der weide
im windhauch

wer wartet
mit mir
auf den neuen mond
auf den ersten stern

als wäre das morgen
noch möglich
als wäre das leben
noch herrlich

mein blick fing
die sternschnuppe
wer liest uns
ihre botschaft

III.

heu bedeckt
die krume
schweiß bedeckt
die haut

blumen
leuchten
nicht himmelblau
blauer als himmel

blumen
brennen
nicht feuerrot
röter als feuer

die trauerweide birgt
ein stummes gebet
meine arme wiegen
einen neuen traum

auf der stirne
trage ich
einen kuß
wie ein juwel

Christina Egan ©2021

Nächster Halt: Bahnhof Zoo

Nächster Halt: Bahnhof Zoo
 
Blurred impression of large railway station through train window.Schließ ich den Koffer und zähle die Gleise,
gleitet durch gleißende Weiten der Zug,
findet durchs Vorstadtgestrüpp eine Schneise,
bohrt sich in Schleuse um Schleuse sein Bug.
 
Zittert das Herz zwischen zahllosen Dächern,
lauscht auf die Stimme: “Berlin, Bahnhof Zoo” ––
Irgendwo hier muß die Zukunft doch lächeln,
winken das Glück,– aber wo, aber wo?
 
Aus den Kanälen und Seen muß es sprudeln,
aus Boulevards und aus Marktplätzen sprühn…
In das Gewühl taucht mein lautloses Jubeln:
Heute is heute, und hier ist Berlin!


Nächster Halt: Flughafen Schönefeld

Cloud strips, golden and pink, above a dark crowded square at the very bottom.Liegen die Häuser gewürfelt, gehäufelt,
liegen die Häuser gefädelt, gereiht…
Fortgerollt wird man, hinübergeschleudert,–
aus ist die schillernde, schäumende Zeit.

Häkeln die Züge die Orte zusammen,
kreuzen die Grenzen und flicken das Land;
häkelt die Liebe die Herzen zusammen,
fügt in die harrende Hand eine Hand.

Häkeln die Flugzeuge schneeweiße Spitze
über die Dächer, die Flüsse, den Wald;
häkelt das Abendrot goldene Spritzer
voller Verheißung und Heilung und Halt.

Christina Egan © 2016/2017

These two poems about arriving in Berlin and departing from Berlin form, together with the round-trip Nächster Halt: Potsdamer Platz, my Berlin Triptych. For English poems about the same railway station, go to Berlin Zoo Station.

When I describe how trains and planes sew towns together and mend countries, I am naturally remembering how my country and its capital city were divided for almost half a century. The family members or lovers waiting for each other at the railway stations and airports may be separated by this fate or a different one.

Photographs: Railway station and airport in Berlin. Christina Egan © 2016.

Warten ist der Winter

Warten ist der Winter

Warten ist der Winter, Warten
auf den endlich wieder starken
Glanz, der sanft ins Leben küßt,
was vor Gram verblichen ist.

Einsam ist der kleine Garten,
während Garben aller Farben
unter altem Laub und Moos
schlummern im verdorrten Schoß.

Hilflos ist das lange Darben
für den unbemerkten Garten:
hilflos, doch nicht hoffnungslos,
denn der Himmel ist sein Trost.

Christina Egan © 2012

Word cloud in pink and green on black; in the middle, £waiting" and "fog" in grey, "garden" and "bright" in yellow.

The other poems are Hinter dem Olivenbaum, Mitte Februar, Fastenzeit, Der Nebel hebt sich, Wende (Bestickt mit Blüten), Bunter Zwirn, Aprilabend.

Many thanks to the Simple Word Cloud Generator!