unter der weide

unter der weide

I.

als das rundzelt
der weide
sich sachte
bauschte

als der pilgerzug
der pappeln
silbern
rauschte

als das erdreich
im abendrot
lag und
lauschte

als die stille
sprach
brach
mein herz

brach auf
wie eine kokosnuß
voll süßer milch
und weißem mark

II.

wer kostet
meine worte
wer liest
meine blicke

wer wartet
auf mich
unter der weide
im windhauch

wer wartet
mit mir
auf den neuen mond
auf den ersten stern

als wäre das morgen
noch möglich
als wäre das leben
noch herrlich

mein blick fing
die sternschnuppe
wer liest uns
ihre botschaft

III.

heu bedeckt
die krume
schweiß bedeckt
die haut

blumen
leuchten
nicht himmelblau
blauer als himmel

blumen
brennen
nicht feuerrot
röter als feuer

die trauerweide birgt
ein stummes gebet
meine arme wiegen
einen neuen traum

auf der stirne
trage ich
einen kuß
wie ein juwel

Christina Egan ©2021

drachenschwanz

drachenschwanz

zehn jahre nach dem
blitzschlag
vorm bildschirm
und der wirklichgewordenen
sonnenwende
im büro mache ich schluß
mit der nichtbeziehung.

die blauen briefe
die taumelnden
niegelesenen
nieabgeschickten
fliegen endlich
in den reißwolf
denn du hast durchweg
ausdrücklich
geschwiegen.

mondenhelle augen
und kein lichtstrahl
fiel auf mich
wellenschlag der stimme
und kein wörtchen
fiel mir zu.

die aufgehäuften gedichte
geschliffen und gleißend
sind alle noch da
berstend von bildern
die sich auffächern
vom ersten goldfisch
bis zum letzten falken.

schweres gebräu
gefiltert
zum salböl
und abgefüllt in die phiolen
von zweimal zwei reimen
oder vierzehn zeilen.

den drachenschwanz
der letzten wortkette
hänge ich in die wolken
für die nachwelt.

Christina Egan ©2024

Black triangular kite with long red tail in turquoise sky.

Psalm (Lachen werden die Seen)

Psalm
(Lachen werden die Seen)

Noch einmal schlagen die Glocken
und schweigen. Tief atmet endlich der See.

Im Laube schweben gleich geronnenem Licht
Tupfer von weichem Weiß und Gelb.

Duftend, betäubend bäumt sich die Erde
ungezähmt in den späten Himmel.

Auf dunkelgoldenen Schwingen
naht von den Bergen die Nacht;

selten sanft und blau wird sie sein
und sterngeschmückt wie eine Braut.

Tanzen, tanzen werden die Berge,
und lachen, lachen werden die Seen!

Christina Egan ©2011

Cascades of luscious purple flowers and tall palm-trees in the sunset.

Let the floods clap their hands / let the hills be joyful together!

Die Ströme sollen frohlocken / und die Berge seien fröhlich!

Psalm 98,8

Northern Tenerife in January! Taoro Parque, Puerto de la Cruz.
Photograph: Christina Egan ©2019.

Farbe ist Leben / [Colour, Life, Silence]

Shimmering, milky, rosy piece of rock, resembling the sea at sunset.

Inspired by the word cloud Colour, Life, Silence of the 25 English poems I have written over the past months (generated and designed thanks to the Simple Word Cloud Generator).
The word cloud created from this poem, in turn, brought up the corresponding German words, with a number of other words expressing the central term “poem”.
“Erschrieben” is a word I made up for bringing about something by writing, while the regular word “erleben” means experiencing and is passive… or perhaps not!

zugefallen


Playing with the words
“Zufall” (conincidence)
and “zugefallen” (destined).
Is love written in the stars?

See my poem Zugewogen
about longing for love,
happiness, and destiny,
or rather, providence.

Im Herzen von Köln (St. Andreas)

Im Herzen von Köln (St. Andreas)

Vorm Fenster herrscht
der alte Dom
und unterm Fuß
das alte Rom.

Minutentakt
Der Boden bebt,
die U-Bahn pulst,
die Erde lebt.

Die Straße dröhnt,
die Weltstadt wacht,
der Domplatz zittert
Tag und Nacht.

Der Baulärm grellt,
das Blaulicht greint,
die Flöte lockt,
die Geige weint.

Die Orgel jauchzt,
die Glocke braust,
die Stille ruft,
die Stille rauscht.

Am Kreuz hängt einer
ganz allein
und will das Herz
der Erde sein.

Die heilge Stadt
lebt noch aus ihm.
Sie weiß es kaum;
er gibt sich hin.

Minutentakt:
Der Tunnel braust,
der Erdschlund grollt,
die U-Bahn saust.

O Einsamkeiten –
Mein Herz brennt.
O eigne Sehnsucht –
Mein Herz rennt.

Doch Ruhe ist ja
nur in Ihm…
So knie ich nieder:
Nimm mich hin.

Christina Egan ©1992


Tall remnants of Roman city wall with Cologne Cathedral in the background
Photo: Christina Egan © 2014

The first poem of the year takes place in Roman streets again, in the midst of Cologne, in Sankt Andreas, the mighty mediaeval church right opposite the Cathedral. When you descend into the crypt, you are pretty close to antiquity. All around, Roman walls are displayed, or simply still standing.

For an English poem about Cologne with a similar content and in a similar style, see My City Calls (Grey Roofs Grey Walls). There, it is the city itself which provides comfort and hope, as religious faith does here. I noticed the striking parallel only yesterday on relaunching my poetry blog!

Die Welt ist still

Die Welt ist still

Ich sitze unter einem Baum
im Blätterzelt, im Schattenkreis;
die Welt ist still und bunt und heiß,
hoch oben wölbt sich weißer Flaum…
Ein Sommertraum.

Der stolze Pomp war Schall und Schaum,
die rasche Mode Funkenflug,
das Tretradtreten war Betrug!
Ich sitze unter einem Baum,
man glaubt es kaum.

Das Bildgewebe war ein Zaun,
ein Katzengold der ganze Schatz,
ein Karussell die ganze Hatz –
Die Ruhe schafft dem Atem Raum:
Frag’ nur den Baum.

Christina Egan © 2020

For English poems from the Covid-19 lockdown,
see Notnormal and the parallel texts Hidden Rivers /
Verborgne Flüsse
.

For those who were not ill with the terrible virus, 
the key experience may have been, paradoxically:
I can breathe… For once,
there was time to breathe —
and air to breathe!

descending (Sankt Andreas)

descending

from the rainbow-crossed twilight
down the narrow winding stairs
to the star-studded nightfall

from the church
to the crypt

from windows
to candles

descending far back in time
back into the sheltering earth
onto the threshold of heaven

from quiet
to silence

from proximity
to presence

the vaulted stairway awaits you
at the back of the ancient church
and hidden in your own heart

Christina Egan © 2018

(Sankt Andreas, Cologne)

Traces of colour on the floor from church windows: blurred bright patches.

This poem is best read very slowly, as if you were indeed walking down an ancient staircase at the back of a silent church…

Around the world-famous Cathedral, the twelve Romanesque churches of Cologne outdo each other in age, size, and beauty!

For German verse inspired by the mediaeval churches of Cologne, see Zugewogenpoem on faith and destiny published in a previous edition of the Münsterschwarzacher Bildkalender.


Photograph by 3268zauber: Traces of colour from church windows on the floor in Baden-Baden, Germany.

When the Snow Falls

When the Snow Falls

Tiny fir tree and orange nasturtium covered with thick melting snow.

When the snow falls,
when the snow calls
with its crystal-clear voice,
when the streets hum,
when the streets drum
with their boisterous noise,
when the fog shifts,
when the fog lifts
and the sun gilds the stone –
let your smile grow,
for a while know
you are never alone

Christina Egan © 2019

Photograph: Christina Egan © 2017.

This poem was commissioned for a Christmas card by a university library.
Feel free to write or print it in your cards, as long as acknowledge me as the author somewhere.