Reife Feige
Aufs Pflaster klatscht die Feige,
verlockend süß und groß.
Mein Herz ringt, daß es schweige
und weint und lacht doch bloß.
Es trübt sich und es regnet
und leuchtet wieder neu…
Mir ist das Glück begegnet,
es ging heut früh vorbei.
Es ging mit festen Schritten
und grüßte mich, als ob
auf ungesagte Bitten
es käme her von Gott.
Ich hebe jene Feige
aus ihrem Schattengrund
und koste ihre Reife
mit überraschtem Mund.
Sie will mich trösten, nähren,
unsagbar, unverhofft.
Das Glück wird wiederkehren:
Ich lausche, ob es klopft.
Christina Egan ©2021
prayer
In the Cool of the Evening
In the Cool of the Evening
In the cool of the evening, silver-lit,
when the tide of noise has receded at last,
God walks along the coal-black beach
to listen out for the whispering waves,
to listen out for prayers and sighs,
to look for golden gems in the sand,
to look for purity in the hearts.
Christina Egan © 2016
These lines were inspired by the pristine deep-black beaches of Lanzarote, where you can find lava and, in some rare places, tiny shards of olivine.
The strange idea that God walks on earth in the evening to observe humans stems from the story of Adam and Eve, when they are still in paradise but have lost their purity of heart (Genesis 3,8).
Photograph: Christina Egan ©2017.
Hinweisschilder
Hinweisschilder
I.
Dies Gedicht hat keine Bilder,
denn die Welt ist ein Gedicht!
Überall sind Hinweisschilder,
überall Scheinwerferlicht!
Doch wir tappen durch die Tage,
rumpeln, rempeln, fallen hin.
Sehn wir je, dann ohne Farbe,
ohne Muster, ohne Sinn.
II.
Manches wird herbeigeschafft,
anderes herbeigeschaffen.
Manches wird herangerafft,
anderes herangelassen.
Manches wird herbeigeredet,
anderes herbeigeschrieben,
manches auch herbeigebetet
oder gar herbeigeschwiegen.
Christina Egan ©2024
You may wonder why I label philosophical musings “Religion” or why my poems on “Religion” do not refer more to a certain creed. Yet for me personally, there is no philosophy without religion. God is present everywhere, whether we feel it or not, and our life is a search for God, whether we know it or not.
As regards Christianity, my poetry is very much inspired by the Scriptures, the hymns, the liturgy, the imagery. I probably owe more to Martin Luther than to any other writer. All German speakers do. It also seems to me that in this secular society, I would most put people off by mentioning that I am a Catholic.
Weiße Seide
Weiße Seide
Jeder Psalm mit sichrer Stimme,
jedes wirre Stoßgebet
ist ein Ruf, der Erd’ und Himmel
unsichtbar zusammenfleht,
ist ein Stich von weißer Seide,
wie auch immer er gerät,
der entzweigerissne Kleider
unbemerkt zusammennäht.
Gottes Mäntel, Gottes Säume
sind die Himmel und die Welt,
die das Echo seiner Träume
Ton um Ton zusammenhält.
Christina Egan ©2020

This poem is published in next year’s calendar of photographs and texts,
Münsterschwarzacher Bildkalender 2025. –
Photograph: Beach of Wyk on Föhr, Germany. Christina Egan ©2014.
Ich freue mich
Ich freue mich
Ich freue mich, daß ich geboren bin
zu Morgendämmerung und Abendrot;
ich sage Dank, daß ich erkoren bin
zu nächtlichem Gesang und Mittagslob.
Ich freue mich, daß durch den Vogelruf
das Paradies in unser Schweigen dringt
und oft aus einem alterslosen Buch
ein Sinn in unsre schweren Augen springt.
Ich schaue auf und staune jeden Tag,
daß mich der Himmelsherr mit Namen rief,
noch eh’ es Engel oder Erde gab,
noch eh’ ich still im Mutterleibe schlief.
Ich freue mich, daß durch das Angesicht
des einen Menschen Gott den andern liebt,
wie Sonnenlicht durch bunte Fenster bricht.
Ich freue mich, daß es die Freude gibt.
Christina Egan ©2021

a kind of convent, in Ghent (Klein Begijnhof). Photograph: Christina Egan ©2018.
Written upon the passing of a good friend who had been a nun for 40 years.
Also written for her on the topic of joy through faith and prayer: Die vierte Frucht.
cartwheels
600 poems posted on this site !
cartwheels
cartwheels of stars
sparkling spilling
turning rolling
sinking back
into the black
and then comets
shooting up –
comets up-
side down!
goldfish in the sky
shooting swerving
flapping lurching
dropping back
into the black
drops of molten gold
like prayers
for the new year
to the Unknown God
Christina Egan © 2017
Schlüsselwörter
Schlüsselwörter
I.
Himmelstreppenbauten
Die Kunst ist groß mit ihren Himmelstreppenbauten
und größer die Musik mit unerhörten Lauten;
gewebt aus weißen Daunen schwebt das Wort vorbei
und bleibt, als ob’s ein Bild aus schwerer Bronze sei.
Das Leben aber ist allein der Born des Lebens,
und ohne Liebe sinnt und schafft der Mensch vergebens.
II.
Schmaler Strahlenpfad
Aufflackert hier und dort ein schmaler Strahlenpfad
Gebet ist auch Geschehen; auch ein Gruß ist Tat.
O wenn die Erdenaugen es nur schauen könnten
wie sich Geschwister fraglos zueinanderwenden!
Der Engel Botenflug ist schattenlos und schnell,
doch auch der Menschen Bruderherz ein Gnadenquell.
III.
Sommerabendblau
Ein sommerabendblaues Wort ist uns geschenkt,
ein sommermorgengoldnes gleich darangehängt,
die unsre Wildnis oder Wüste fern umsäumen
und mehr an Kraft enthalten, als wir uns erträumen:
Vertrauen in Bedrängnis ist uns zugeteilt
und Hoffnung auf den Himmel, der die Erde heilt.
Christina Egan © 2019
Three philosophical poems in praise of:
life and love (which can surpass art);
greeting and prayer (which can surpass deeds);
trust and hope (which can surpass strength).
Written for a community of prayer
affiliated to a Benedictine convent
(Abtei Münsterschwarzach).
Photograph of letters: Christina Egan © 2020.
Photograph of mediaeval manuscript by Sailko
(own work) via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0).
Ein helles Heute / Bunte Gnadenspur
Morgengebet
(Ein helles Heute)
Aus der Schönheit blüht uns Freude,
Freude grünt uns aus der Kraft.
Schenk’ uns, Herr, ein helles Heute,
das aus Freude Frieden schafft.
Aus dem Leiden wächst uns Glauben,
und Geduld reift aus dem Schmerz.
Schenk’ uns Stille und Vertrauen,
führ’ uns heimlich himmelwärts.
Christina Egan © 2019
Tischgebet
(Bunte Gnadenspur)
Wir halten inne, denn das Mahl ist bunt
an Farbe, Würze und Beschaffenheit;
wir halten inne, um mit Herz und Mund
zu danken für die satte Friedenszeit.
Wir danken für die reiche Frucht der Erde,
die unerschöpfte Urkraft der Natur,
für unsrer unentwegten Mühen Ernte:
Wir danken für die bunte Gnadenspur.
Christina Egan © 2019
Photograph of convent: Christina Egan © 2014. —
Photograph of light from church windows by 3268zauber.
Hochsommernacht
Hochsommernacht
Ich nehme die Straße der Wolken am Abend,
behutsame Brandung aus goldener Gischt,
bei Nacht aber über dem langsamen Rade
der Sterne die Straße aus silbernem Licht.
Verbleichende Landstriche harren des Regens,
verdorrende Büsche erflehen sich Frucht,–
und ich bete stumm um das Glück meines Lebens,
umschlungen von seligem Hochsommerduft.
Christina Egan © 2018
The German word for ‘Midsummernight’ sounds the same, but refers to July and August rather than solstice. A person yearns for a companion as the earth and the plants yearn for water. This poem was written in the great heat and draught of 2018 (which I personally enjoyed… rather like a cactus!).
Photograph: Christina Egan © 2014.
The End of Lent
Sext
(Midday prayer)
Amidst a day of darkness,
amidst a life of fight,
the pillars and the organ
build up a vault of light.
Somebody must be present
to hear the silent screams!
There’s help past understanding,
there’s hope beyond all dreams.
But where do you keep hiding?
O Lord, who has left whom?
Dispense a drop of mercy
on each of us this noon.
Christina Egan © 1998
The End of Lent
There’s more to life behind the troubled scene,
more light than mighty, timeless words can mean:
there is a truth that never lies,
a truth that fills the earth
with fragrant breath.
There’s more than we can fathom and esteem,
or ask for, seek for, need, desire, dream:
there is a love that never dies,
a love that will give birth
in very death.
Christina Egan © 1999



