Reife Feige
Aufs Pflaster klatscht die Feige,
verlockend süß und groß.
Mein Herz ringt, daß es schweige
und weint und lacht doch bloß.
Es trübt sich und es regnet
und leuchtet wieder neu…
Mir ist das Glück begegnet,
es ging heut früh vorbei.
Es ging mit festen Schritten
und grüßte mich, als ob
auf ungesagte Bitten
es käme her von Gott.
Ich hebe jene Feige
aus ihrem Schattengrund
und koste ihre Reife
mit überraschtem Mund.
Sie will mich trösten, nähren,
unsagbar, unverhofft.
Das Glück wird wiederkehren:
Ich lausche, ob es klopft.
Christina Egan ©2021
happiness
Psalm (Lachen werden die Seen)
Psalm
(Lachen werden die Seen)
Noch einmal schlagen die Glocken
und schweigen. Tief atmet endlich der See.
Im Laube schweben gleich geronnenem Licht
Tupfer von weichem Weiß und Gelb.
Duftend, betäubend bäumt sich die Erde
ungezähmt in den späten Himmel.
Auf dunkelgoldenen Schwingen
naht von den Bergen die Nacht;
selten sanft und blau wird sie sein
und sterngeschmückt wie eine Braut.
Tanzen, tanzen werden die Berge,
und lachen, lachen werden die Seen!
Christina Egan ©2011
Let the floods clap their hands / let the hills be joyful together!
Die Ströme sollen frohlocken / und die Berge seien fröhlich!
Psalm 98,8
Northern Tenerife in January! Taoro Parque, Puerto de la Cruz.
Photograph: Christina Egan ©2019.
rosengarten (II. sprühendgrau)
rosengarten
II.
sprühendgrau
die ungeahnten sonnenglanz vergießen
die regenschauer und den regenbogen
zu einem milden meeresgrau verwoben
die augen sollen meine verse grüßen.
dem nebelland das immerkalte wogen
in ungestümem reigentanz umschließen
den inseln voller sprühendgrüner wiesen
sind jene augen ursprünglich enthoben.
drum frag ich nicht nach lilien und lavendel
die flammen sprühen auf gebeugtem stengel
noch nach des südens uferlosem blau
nichts brauche ich als meinen kleinen garten
wo alle wunder lächelnd meiner warten
die bunte welt geballt in sprühendgrau.
Christina Egan ©2023
This sonnet is part of a cycle of 14 poems, whereby each line of the first one (rosengarten I. tiefversteckt) furnishes the first line of a new sonnet.
The island described here is Ireland, but the cycle takes you to other islands, as well as to the palace gardens of Würzburg, Germany, which first inspired me.
Word cloud of colours in the German sonnet cycle (rosengarten I-XIV), generated on the Simple Word Cloud Generator. In the middle are “colourful”, “green”, and “golden”. Since the colours of the roses are not described, the roses themselves are added.
I Do Not Ask for Love / A Thousand Leaves
I Do Not Ask for Love
I do not ask for love,
for I have none to give –
and yet I beg for life,
for leave to make you live,
to live as if the day
were fitting like a glove,
to breathe as if to pray
to beauty were enough,
to tremble as if time
had finished or begun,
to let two faces shine
as if two hearts were one.
I do not ask for words
of last or lasting love,
I cannot offer worlds –
one kiss shall be enough.
Christina Egan ©2006
A Thousand Leaves
A thousand leaves in brownish bronze,
a thousand leaves thrust by the wind,
a rustling sea… a jostling crowd…
And then, with sudden sunset glint,
with guileless smile, one reaches out.
Christina Egan ©2010
Sycamore leaf. Photograph: Christina Egan ©2020.
Buntbetupft
Buntbetupft
Nur
einen
seligen
Sommer,
einen zweiten
und dritten tanzten
du und ich inmitten einer
buntbetupften Wiese unter dem
Summen der Hüpfer und Hummeln,
unter des Bussards hoher Wacht.
Und keiner von uns beiden
wußte, was bliebe,
und keiner
nannte es
Liebe.
Aber
das Leben
war gegeben,
wie es nur Kindern ist,
Heiligen oder Toren oder eben
Liebenden, und die Freude war stark
wie die Pracht der Mittsommersonne.
Die Erde war rund und bunt, und
ihre Haut duftete uns! Wir
drehten uns schnell,
alles drehte sich
um uns, es
war ein
Heute,
hell.
Christina Egan ©2021
The shape of the poem emulates two children holding hands and whirling around, or two spinning-tops…
Illustration from ‘Children’s games throughout the year’ (1949) by Leslie Daiken.
Farbe ist Leben / [Colour, Life, Silence]
Farbe ist Leben
Farbe ist Leben,
Stille ist Frieden:
So hab’ ich’s, scheint’s,
erlebt und erschrieben.
Leben ist Farbe,
Stille Musik…
Bunt und bescheiden
blüht mein Geschick.
Wort ist Begegnung,
Sprache Musik…
Zwischen den Zeilen
schimmert das Glück.
Christina Egan ©2024
Inspired by the word cloud Colour, Life, Silence of the 25 English poems I have written over the past months (generated and designed thanks to the Simple Word Cloud Generator).
The word cloud created from this poem, in turn, brought up the corresponding German words, with a number of other words expressing the central term “poem”.
“Erschrieben” is a word I made up for bringing about something by writing, while the regular word “erleben” means experiencing and is passive… or perhaps not!

Photograph of rose quartz: by Ra’ike (Own work)
(GFDL or CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons.
Grün und gülden / Green and Golden
Grün und gülden
Auf der weiten Erdenscheibe
kauert meine kleine Bleibe
still in pfauenblauer Nacht;
und aus ungeheurer Ferne
steigen unzählbare Sterne
wie von Zauberhand entfacht.
Auf den unsichtbaren Gleisen
durch den Weltraum aber kreisen
zwei Gestirne um mein Dach:
Glück muß mir das güldne schreiben,
doch das grüne bringt mir Leiden,–
zwei verflochten tausendfach.
Christina Egan ©2017
Green and Golden
On the vast orb of the earth
clings my cottage to the turf,
hushed in night of peacock-blue;
from unfathomably far
still emerges star on star,
magically lit anew.
See, on secret tracks in space
two celestial bodies trace
orbits round my own abode:
golden star and green must bring
happiness and suffering –
interwoven thousandfold.
Christina Egan ©2023
For more musings on destiny, see the previous post, Zugefallen. There are sparkling stars in Zugefallen and flickering candles in the poem Zugewogen. Destiny is written in the stars, or rather, in the Heavens.
Nebra sky disk (Himmelsscheibe von Nebra), ca. 4000 years old. Photograph: JoKaliauer via Wikimedia Commons. Copyright: CC BY-SA 3.0.
Callisto, moon of Jupiter. Photograph taken by NASA’s Galileo spacecraft in 2001. NASA/JPL/DLR(German Aerospace Center), Public domain, via Wikimedia Commons.
zugefallen
zugefallen
eine kristallkugel
schwebte überm wald
und berührte die wipfel
als ich dir zufiel
unsere namen
hingen in den sternen
überkreuz
es gibt keinen zufall
tausend bücher
hab ich an meiner wand
die schieb ich beiseite
wie einen vorhang
tausend gedichte
hab ich in meiner kiste
da steig ich hinüber
die brauchen wir nicht
denn ich schreibe dir
ein neues gedicht
eine neue sprache
ein neues schweigen
denn du schenkst mir
ein neues lächeln
ein neues leuchten
eine neue leichtigkeit
Christina Egan ©2021
Playing with the words
“Zufall” (conincidence)
and “zugefallen” (destined).
Is love written in the stars?
See my poem Zugewogen
about longing for love,
happiness, and destiny,
or rather, providence.
Dasein (Herbstanfang)
Dasein
(Herbstanfang)
Gleich einem lichtgefleckten Fichtenpfad,
bevor die ersten schweren Tropfen fallen,
erstreckt sich der Septembernachmittag
vor uns, als sei die Welt ein Wohlgefallen.
Wir dürfen auf die Wolkenschiffe steigen
und mit dem Bussard über Wipfeln stehn!
Obgleich die Strahlen sich ab morgen neigen,
wird unsre Schale langsam sich erhöhn.
Die Dächerschar erglüht im ersten Dämmer,
das Auge badet sich in buntem Glück…
Wir können unser Dasein nicht verlängern,
vertiefen aber jeden Augenblick.
Christina Egan © 2019
Photograph: Christina Egan © 2013.
I’ve Caught a Star
I’ve Caught a Star
I’ve caught a star
and hold it tight,
it warms my heart,
it fills the night.
Yours is a kiss
as none before,
I know I need
now nothing more.
You are all men
and women, too,
the town, the land,
the earth are you.
You are the sun,
the sparkling day,
the magic moon,
the milky way.
You are the zest
upon my lip,
the only smile
that will unzip,
the only hand
that will hand back
each grain of corn,
each drop of sap.
Christina Egan © 2003








