Ich knabbre an Träumen

Ich knabbre an Träumen

I.

Ich knabbre an Träumen,
sie machen nicht fett,
sie machen den Mangel
an Leben nicht wett.

Sie füllen die Augen
mit flüchtigem Licht,
zerreißen das graue
Gewölk aber nicht.

Ich trinke Erinnrung
wie Tropfen von Gold
und spür’, wie die Zukunft,
die Zeit mir entrollt.

II.

Bundle of daffodils in front of a wooden fence in bright sunlight.

Ich klammre die Hände
um Murmeln aus Glas
und flüstere Wünsche
ins glitzernde Gras.

Die Murmeln sind tief
in den Taschen versteckt:
Noch nie hat ein Mensch
meine Träume entdeckt,

noch nie hat ein Freund
meine Träume geteilt,
am gläsernen bunten
Geäst sich erfreut.

III.

Es leuchten Narzissen
wie Sterne am Zaun,
wie stille Versprechen
im quellenden Raum.

Doch rinnt mit dem Regen
das Heute dahin…
Mir knistern wie Flammen
die Träume im Sinn,

wie blaßblaue Geister
und hellrote Glut –
O wehe den Menschen
mit Sehnsucht im Blut!

Christina Egan © 2012

Photograph: Christina Egan © 2017.

Zugewogen


One year later:
My 125th post!


Zugewogen

Altar, bright golden, in church, Neo-Gothic, with plenty of lit candles beneath.In den Gezeiten des Lebens,
in dem Getriebe der Stadt
suchst du verzweifelt, vergebens
Liebe, die Zukunft hat.

Tritt ins Portal einer Kirche,
schau’ in die flackernde Flut,
entzünd’ eine winzige Kerze
und wisse: Alles wird gut.

Alles ist zugewogen,
Liebe und Freude und Leid;
niemand wird je betrogen
um Sinn und um Seligkeit.

Christina Egan © 2011

St Ludwig, Berlin (near Ku’damm).
Photograph: Christina Egan © 2016

“Everything is weighed for you, love and joy and suffering; nobody will ever be cheated out of meaning and of bliss.”

I believe this beyond any doubt, although not everything will come all right this side of death. Lighting a candle in a place of worship in the midst of our busy lives gives us comfort and peace at any rate.

This poem on faith and destiny was published in a previous edition of the  Münsterschwarzacher Bildkalender. The 2017 calendar is available now, with 52 photographs and 52 poems and addresses (one of them by me: psalm für dich).

Fastenzeit / Lent

Fastenzeit

An bitterem schwarzen Brot
nagt mein Mund.

An bitterer schwarzer Erde
nagt mein Herz.

Grauer Wind
fegt die Fluren rein.

Alles fastet
der Farbenfülle entgegen.

Christina Egan © 1985

Lent

My foot sinks
into bitter black earth.

My heart gnaws
on bitter black bread.

Grey wind
sweeps the fields clean.

Everything fasts
towards the flood of flowers.

Christina Egan © 1999

The church year mirrors the natural seasons  and symbolises our life events: voluntary renunciation in Lent corresponds to the hardships of winter or to emotional deprivation.

I shall shortly post a poem about Easter at ostermorgen, where faith in God and resurrection is linked to the renewed sunshine of spring and to the experience of communion and fulfilment.

Nonnenkloster

Nonnenkloster

Initial of mediaeval manuscript, filled with monks and nuns singing from such a missal on a lectern above them; in gold and bright red, blue and green

Schneegleich
steigt Schweigen
aus den steilen Wänden,
aus den gefalteten Händen,
den vornübergeneigten Schleiern.
Und doch ist alles ein Feiern,
als sei, wenn es schneit,
ein Staub von Gold
über die Gärten gestreut…

Zeit, Zeit
tickt hier laut
in den langen dunklen Uhren,
in den blankbefliesten Fluren,
weil die Ewigkeit
sie so beschwert
wie Wasser eine weiße Schüssel.
Und jeder geschmiedete Schlüssel,
der gegen ein Gitter klappert,
klingt
wie ein Versprechen,
das Gott nicht brechen will.

Sunlit walled flower garden with sturdy stone cross in corner

Es singt
am Rasenrand
der Schneeglöckchenchor,
ein besticktes Band.

Und jede ungeschmückte Wand
durchdringt
das goldne Schweigen
wie der Frühlingssonne sanfte Hand.

Christina Egan © 2006

I owe this overpowering experience of peaceful silence to the Carmelite monasteries of London (Most Holy Trinity) and Cologne (Maria vom Frieden), which are based on a philosophy of shared “silence and solitude”.

Photographs:
Liturgical book for Eastertide (1450s).
Sailko via Wikimedia Commons. —
Nunnery garden, hidden in the midst of a big city. Christina Egan © 2014

vermächtnis

vermächtnis

und wieder dünen. wieder hohes gras.
und meer und himmel hier mit urgewalt.
und wieder du in deiner wohlgestalt.
und mein verlangen sanft und ohne maß.

ich tauch in deine lichten augen ein…
das meer entweicht. es war nur wellenschaum.
der tag verbleicht. du warst ein sommertraum.
ich bin allein am strand. ich bin allein.

wie mars in seinem kupferfarbnen glanz
entsteigt dem wall des kiefernwalds dein bild.
die brandung klopft. und klopft. der boden quillt.
ich kröne dich mit meiner verse kranz.

Christina Egan © 2015

Golden dune, green grass and shrubs, deep-blue sky.

 

This is my poem of the year 2015! It is, as the title states, my Bequest.

Like many other poems, it was inspired by a holiday on the Darss.

 

“Dune in Nature reserve Darßer Ort, Baltic Sea”. Photograph: Andreas Tille via Wikimedia Commons.

Screen

Screen

Last night, at last, beside
your arms, you opened wide
your lips – and in the stream
of quivering delight
below the lifted screen
I touched your silver soul –
One moment, I felt whole –
But then you sank away,
it was already day:
you had been but a dream.

Christina Egan © 2015

Kretische Küste

Kretische Küste

I.

Vor mir ein grünes Meer, ein roter Strand
und hinter mir die himmelhohe Wand
der Weißen Berge, mit Gesträuch schraffiert,
mit Schluchten aufgeteilt, vom Mond berührt.

Es schwindelt mich, so schroff ist es und schön…
ich möchte mitten ins Gebirge gehn,
als sei es eines Mannes Wohlgestalt
und berge sein Gemüt in jedem Spalt.

II.

Der kupferfarbne Sand wird doch zu Gold,
wo er in steiler Woge niederrollt
und sich mit jenem Brennendblau benetzt,
das kommt und nochmals kommt… und jetzt… und jetzt.

Und Disteln starren in dem dürren Strand,
die plötzlich strahlen wie von Zauberhand,
wenn erster Regen flüchtig niedersteigt
und Brautkleidblüten aus den Blättern treibt!

III.

Wo täglich Himmel sich mit Meer vermählt
und Landes Rand von anderm Strand erzählt,
wo trockne Erde wie der Tagstern loht
von silbriggold bis zu orangerot,

wo noch bei Nacht das Wasser, kaum bewegt,
den Leib in schwerelosem Zauber trägt,
bis in das sanfte Schwarz ein Schweifstern stürzt –
dort laß uns warten auf den milden Herbst.

IV.

Mit riesenhaften grünen Pranken greift
das Meer hinein in den geschützten Kreis
des kleinen Hafens, daß die Mole schäumt
und sich die bunte Schar der Boote bäumt.

Des späten Herbstes erstes Fauchen fährt
in letzte schwere Hitze wie ein Schwert.
Fünftausend Jahre aber ragt die Stadt
ins Element, gelassen, sonnensatt.

Christina Egan © 2014

Flourishes on a mural, turquoise on luminous red and yello

For more poetry and information
on Knossos 
and Chania on Crete
see my English poems
The Pattern of a Yesterday and
Golden Dell.

 

Frieze in the royal palace at Knossos, Crete.
Photograph: Harrieta171 via Wikimedia.

I Love You

I Love You

I love you for your love for me,
I love you for your loveliness,
I love you anyway.
I love you more than all the world,
I love you more from day to day,
and more than words can say.

Christina Egan © 1998

At my own wedding, I read this poem
and the unrelated poem Ich liebe dich by 
 Adelheid Bienmüller. Also see my poem 
Ich liebe dich.

Schöpfung (Darß)

Schöpfung
(Darß)

I.

schwebend zwischen ungeheuern
wassern und verwunschnen teichen
will die erde sich erneuern
wälder zeugen dünen häufen

II.

wird die see den see erwählen
kraft die ruhe salz die süße
muß sich blau dem grau vermählen
daß es ineinanderfließe

III.

wie die schaumgekrönte göttin
einst dem wilden meer entstieg
so dem bloßen sand die blüte
und dem wüsten schmerz das lied

Christina Egan © 2015


On the Darß (Darss), you can observe ‘Creation’ at work:
between ocean and ponds, between dunes and woods.

The last poem describes the ‘Creation’ of art as another
natural, elemental, process: beauty born out of pain.

You can read an English poem about the Darss at
Midsummernight Far North.

Parallel English and German poems about a similar
phenomenon on the German North Sea coast are at
Views of North Sea Islands.

Muschellied

Muschellied

Ich gab dir keinen Schwur, nur
eine Muschel:
Doch in ihr sprach das Meer und
sprach mein Herz.

Kaum schloß ich meinen Brief, zer-
brach die Muschel…
Und mit dem kleinen Knirschen
brach mein Herz.

Christina Egan © 2012

Broad sandy beach in golden sunset, with sea shells and sea-gulls like grey specks

Atlantic Ocean at Essaouira, Morocco.
Photograph: Christina Egan © 2012