gesternmuster / Zeit-Räume

A dozen beads of gold, lapis lazuli, cornelian.gesternmuster
(Knossos)

die kolossalen säulen
der stolzen pinien
jener erhabene baldachin
der schutz vor der sonnenflut bietet

die schwarzen weißen blutroten pfeiler
im heiteren palastlabyrinth
jene flecke in einem gesternmuster
das jahrtausendealt ist

Christina Egan © 2016

This is a translation of The pattern of a yesterday . At that post, you can find some photos and a link to an artistic impression of the palace 3,500 years ago.

Photograph: Minoan beads from Crete in gold, lapis lazuli, cornelian, ca. 1700-1500 BC. – © The Trustees of the British Museum.

Zeit-Räume
(Knossos)

Terrassen, Treppen, rote Säulen
zwischen himmelhohen Bäumen,
Marmorschwellen, rote Wände,
um die Ecken neue Treppen…

Wie im Traume muß man wandern
durch die Höfe, durch die Säle,
durch die Wärme, durch die Kühle,
still von einem Raum zum andern…

Schlanke Bäume, schlanke Menschen
stehn vor heitrem Himmel drinnen
in den buntbemalten Zimmern
heute wie vor tausend Jahren.

Keine Läden vor den Fenstern,
in den Türen keine Flügel,
keine Grenzen zwischen Innen,
Außen, Unten oder Oben,

keine Pforten zwischen Heute,
Gestern oder Vorvorgestern
zwischen einem bunten Zeit-Raum
unter Pinien und dem andern.

Christina Egan © 2016

Die Fluten der Stadt

Die Fluten der Stadt

I.

Vor meinem Fenster rauscht die späte Stadt
und glitzert auf im Vollmond, schwarzes Meer;
sie spült Millionen Menschen hin und her,
spielt Fangen, nimmermüd und nimmersatt.
In ihrem Brausen höre ich Willkommen
und lasse mich auf ihren Wellen treiben.
Die Sternbilder der Leuchtreklamen schreiben
sich unter meine Lider… schon zerronnen.
Und nie allein: weil ich alleine bin,
zu Haus im selben Sehnsuchtsleitmotiv
wie jeder andre aufgewühlte Sinn.
Was immer schon in meinen Gliedern schlief,
schäumt ungebärdig zu den Sternen hin:
Ich will dich, will dich wild und meerestief.

II.

Auf vielen Brücken stand ich, ausgespannt
von Stahl und Stein an Themse, Rhein und Main,
und unter allen Himmeln stets allein:
stets einem Unsichtbaren zugewandt.
Es wandeln ja mit jedem neuen Strand
die Menschen wie die Häuser ihr Gesicht,
erstehen anders schon im Morgenlicht;
und immer wieder scheint mir eins verwandt.

Die Fluten wechseln – braun, blau, grau und grün –
die Augen ebenso, die mich gebannt,

sie füllen meine Augen – und entfliehn.
Doch deine, die ich nur von ferne fand,
die kaum mich streiften, seh ich weitersprühn…
Und ihre Farbe hab ich nie gekannt.

Christina Egan © 1995 / 1996

Black and white panorama of London skyline from a Thames bridge, with another bridge, boats, skyscrapers, St Paul's.

London. Photograph: Christina Egan © 2014


The narrator looks for love amidst the masses of the big city by the big river, where the star constellations consist of neon advertisements. She or he adores someone whom she has only seen from afar so that she does not even know the colour of his or her eyes.

Each sonnet makes a paradoxical statement about loneliness: This person is never lonely because many other people in this city share her loneliness; and she is always lonely because she is in the presence of a beloved one who is absent.

das dritte bild

das dritte bild

dein foto ist der neugier aller welt
auf einem internetplatz ausgestellt:
man sieht den hut, viel haar und auch gesicht,
die augenlider, doch die augen nicht.

verschlossen steht und abseits tief in mir
ein anderes, ganz altes bild von dir:
ein überscharfes leuchtendes profil,
als ob’s aus einem traum zersplitternd fiel.

noch in der zukunft liegt das dritte bild,
das meinen wilden durst nach leben stillt:
ich sehe, wie du leuchtest, weil du lebst,
wenn du dich wendest und die augen hebst.

Christina Egan © 2011


 

The narrator adores a man or woman of whom he or she has gathered only a few impressions: mainly a distant memory and an online photo. These two are the past and the present; the future consists only of imagined images.

Hochsommerhimmel

Hochsommerhimmel

Himmel, wolkenlos
schon am Morgen. Schwalbenflug
bestickt das Hellblau.

*

Himmel, weich und warm
über Mittag. Seidentuch,
endlich einfach blau!

*

Himmel, licht und sanft
noch am Abend. Holzspanduft
umwebt die Rosen.

Christina Egan © 2015

Geflecht / Geflechte

Geflecht

Jedes Leben ist verstrickt,
Masche um Masche, Stich um Stich,
in die Leben neben ihm,
ob wir’s wollen oder nicht.

Jede Reihe ist verschlungen,
ohne daß das Garn je bricht,
in das vorige Geflecht,
ob wir’s wissen oder nicht.

Jeder Jahrgang ist der Boden
für die nächste bunte Schicht:
Kaum geboren, sind wir Ahnen
für ein künftiges Geschlecht.

Christina Egan © 2015

Silk cloth dominated by vivid pinks and greens.

Geflechte
(Altstadt von Köln)

Reihen auf Reihen von Häusern,
hell und freundlich im Frühlingslicht,
Reihen auf Reihen von Fenstern,
schimmernd in allen Augenfarben.

Und hinter einem jeden Fenster
Gesichter… Geschichten… Geflechte.
Und unter einem jeden Pflaster
Pflaster… Pfade… Schwellen.

Stockwerk um Stockwerk von Leben,
hinauf ins ausgelassene Blau!
Schicht um Schicht von Geschichte
bis in den unbetretenen Staub.

Ich strecke mich hin auf dem Mäuerchen hier
und höre die Vögel und höre ein Herz –
Das Herz diese Platzes? Das Herz dieser Stadt?
Mein eigenes Herz, wie es schlägt für die Stadt?

Christina Egan © 2016


These poems describe human life as a knitted or woven tissue: every person is a mesh amongst, above, and below others. Every little life is part of a layer of history, as every modest buidling and ordinary street is.

Every life is interwoven with  others. Every single one of us is history!

I wrote the second poem on the way back from Cologne, where I had briefly rested on a little wall, which turned out to be in the area of the ancient forum and which in hindsight reminded me of excavated foundations.

For a poem on weaving words into a poem, see the previous post, Word Weaver.

Photograph: Silk cloth from Madagascar. – © The Trustees of the British Museum

Ich behaupte das Dach über Dächern

Ich behaupte das Dach über Dächern

I.

Ich behaupte das Dach über Dächern
und Wipfeln und Kuppeln der Stadt,
im sonnengeladenen Himmel
ein lebensgeladenes Blatt!

Eine Fahne in sattesten Farben,
ein Winken: „Ich bin! Ich bin hier!“
Mein Herz reißt sich los aus dem Leibe
und fliegt über Meere zu dir.

View from high up along building of concrete, steel and glass to the right, with lawn and trees to the left and clouds in blue sky above.

II.

Ich betrachte die Bäume von oben:
erst leuchtend, dann dürr und dann kahl.
Ich zeichne die Großstadt, gewoben
aus Backstein und Kalkstein und Stahl.

Mein Auge drängt aber hinüber
zum Rande der Stadt und des Lands,–
mein Herz glaubt noch immer, es fliege
zu dir mit dem Goldwolkenglanz!

Christina Egan © 2016

 

Photograph: Christina Egan © 2016


The person who ‘holds the position on the
roof above roofs’ gets the bigger picture:
observing the city, the sky, the seasons;  
aware of being a part of the fabric of life.

But really, she or he just wants to fly beyond
the horizon, to be united with a beloved one…
who might turn out to be an illusion of desire.
These lines evoke immanent transcendence.

These poems may work in a translation software.

Zwei Zauberkugeln / Bright Grey Eyes

Zwei Zauberkugeln

Zwei Zauberkugeln, Spiegel
von Wolken, Fluss und Feld
enthalten unter Siegel
die Zukunft, matt erhellt:
Zwei blanke graue Augen
erwecken neuen Glauben
an diese alte Welt.

Christina Egan © 2004


 

Bright Grey Eyes

With you, there is no waning light
of day, of season or of life;
there’s growing glow and growing sight
of bright grey eyes in bright grey eyes.

With you, there is no wasted time
doomed to oblivion or decay;
each day is gained, each year a line
of our winding, climbing way.

Christina Egan © 2009


 

These two poems have a similar topic,
but are not translations of each other.

The colour of the writing on this page
emulates the eye colours of the couple.

Augustfest

Augustfest

August.
Klangvolles,
sattgoldnes Wort,
beinah orangerot.

Abend.
Wort voll blauer Ruhe,
verborgener Kraft
und süßer Verheißung.

Norden.
Ein weites graues Feld
im Winter… im Sommer aber
ein ganz grüner Horizont.

Augustabend im Norden.
Ein Fest ist uns bereitet,
herrlich wie ein Hochzeitstag.
Schau dich doch um.

Christina Egan © 2016


Some more thoughts on the north of the planet… In winter all is grey, sky and land and water alike; but in summer, the world shines in blue and green and golden. This is before you look at the flowers and fruits, and the places and things whose colours show again, and the people who have come outdoors again. Winter lasts six months in Southern Europe, like in the myth of Persephone, but seven months in Central Europe and perhaps nine in Northern Europe… All the more do we enjoy the glories of summer!

This is one of many poems I wrote for my wedding anniversaries in August; I hope plenty of other people will be able to use it for their engagements, weddings, and anniversaries! The little poem I read at my wedding is simply called I Love You.

Rosen wie Splitter

Rosen wie Splitter
(Juli-Haiku)

*

Rosen wie Splitter
von Mittagsglut, Mondnacht
und Sonnenuntergang.

*

Warm und schwer von Düften
schwappt die Luft durch den Park,
lacht lautlos der Teich.

*

Goldene Blüten,
tausend Trompeten, hörbar
nur für die Engel.

*

Christina Egan © 2001

Two large orange roses in the sunshine, yellow in the middle, with large healthy leaves.

Photograph: Christina Egan © 2014

Im Inneren des Regenbogens

Im Inneren des Regenbogens

Im Inneren des Regenbogens
im Schimmer der Glasfenster
im Wasserfall der Gnade
im Vorzimmer des Himmels

habe ich dich gesehen
habe ich dich gespürt
habe ich dich gehalten
habe ich dich erkannt

in einer leuchtenden Freude
in einer sprühenden Stille
in einem haltbaren Augenblick
in einem Haus aus Licht

Christina Egan © 2016


On the Inside of the Rainbow was written at Pentecost, my favourite religious holiday. It may be about an encounter with a beloved person or with God himself. 

The description ‘Haus aus Licht’ (‘house [made] of light’) also figures in the last line of the poem Auferstehung (Resurrection)  by Marie Luise Kaschnitz.

The English translation is available as Inside the Rainbow.


 

P.S.:

This poem inspired Francis Logan to the composition Inside the Rainbow (2018), which you can hear on SoundCloud. Francis’ piece is very tranquil and spiritual: let yourself be carried away for nine minutes of your life…

Francis also produced a video on YouTube, in which he combines his electronic music with stunning photographs of stained glass and some of my lines in English in a beautiful script.

Image: Still from Inside the Rainbow on YouTube. Music and video: Francis Logan © 2018.