Der Hunger / This Is

Der Hunger

Der Hunger aber
Des Herzens ist gewaltig,
Heimlich und reißend,
Gleich des Löwen Rachen,
Des Vulkanes Fauchen.

Hilflos ist der Mensch
Mit seinem gescheitelten Haar,
Seinem hochgeschlagenen Kragen,
Seinem gestiefelten Schritt,
Seinem geflügelten Wort.

Niemals nämlich
Entkommt der Gewandte
Dem Befehle des Lebens,
Dem Feuersturm
Im eignen Gebein.

Christina Egan © 2013


This Is

Your face, lit up,
perhaps, by me,
eclipses morning star and moon –
one word from you,
or more, maybe,
would freeze the clock at burning noon.

Don’t stop your step,
don’t hold your breath,
don’t soothe yourself it is too soon:
this is the life
as strong as death
that you have craved for. Let it bloom.

Christina Egan © 2004


Two large poppies almost touching, looking like goblets filled with sunlight.For love is strong as death,
    passion fierce as the grave.
Its flashes are flashes of fire,
    a raging flame.
Many waters cannot quench love,
    neither can floods drown it.
If one offered for love
    all the wealth of one’s house,
    it would be utterly scorned.

Song of Solomon, 8, vi-vii.

Photograph: Christina Egan © 2017.

alles ist möglich / der kieselstein

Large astronomical clock with two blue and golden dials in wooden frame.

alles ist möglich

nicht alles ist glücklich
nicht alles ist richtig
doch alles ist wirklich
und alles ist wichtig

nicht alles ist füglich
nicht alles ist fertig
doch alles ist möglich
und schon gegenwärtig

Christina Egan © 2011

der kieselstein

gesucht für dich, für dich gefunden
hab’ ich den kleinen kieselstein,
den beinah weißen, beinah runden
voll stille und voll sonnenschein.

ich hab’s dem schicksal abgerungen,
ein maßgeschneidertes stück glück:
nur drei verwunschen dunkle stunden,
aufblitzend einen augenblick.

Christina Egan © 2011

Marienkirche, Lübeck, Germany.
Photograph: Christina Egan © 2014.

 

 

Milder Mai

Milder Mai

I.

In der weißen Marmorwanne
wartet schon ein warmes Bad:
So steht weiche Luft im Marktplatz,
füllt ihn bis zur feinsten Naht,

nimmt die Jacken von den Schultern,
von den Gliedern das Gewicht,
taucht das graue Reich des Nordens
in ein weingetöntes Licht.

II.

Lavender with fresh and wilted blossom, next to pale-golden grass.Wieder wuchert der Lavendel
halbwegs übern Gartenpfad,
birgt in prallen grünen Stengeln
seine süße lila Saat,

säumt die amethystnen Rispen
noch mit Lapislazuli,
jubiliert mit frischer Stimme
in der Sechsten Symphonie!

III.

Little tree with bright-blue blossom, next to pink and blue flowers.Wieder naht die Sonnenwende,
milder, üppiger denn je;
niemals tat so wohl das Leben,
niemals tat es mir so weh.

Selbst die losen Rosenblätter
leuchten wie ein Wolkensaum…
Und ich pflanze unter Tränen
einen himmelblauen Baum.

Christina Egan © 2014


I was thinking of sunlight like golden wine, but it might also a dusk like rosé…

The blue-blossoming tree is a ceanothus; the Sixth Symphony is Beethoven’s Pastoral.

Lavender; ceanothus. Photographs:  Christina Egan © 2016 /© 2017.

 

City Made of Dreams / Stadt aus Träumen

City Made of Dreams

This is the city made of dreams: it knows
no end. Its splendid roads roll on and round
the bristling castles and across the mound
and down across the squares. Its fabric glows.
But right below this net of rugged ground
a second net of ample pathways flows:
the rivers and canals in sparkling bows;
below the bridges, barges go around.
I stand astounded, lost amongst the towers
and giant spires, and walk on for hours…
This is the ancient city without end.
A steep and green embankment is resounding
with laughter and guitars, with life abounding.
This is the Queen of Flanders: this is Ghent.

Christina Egan © 2018

Castle with turrets directly on high street, with life-size statues of historical figures in front.

Stadt aus Träumen

Dies ist die Stadt aus Träumen. Ihr Gehege
ist grenzenlos. Die stolzen Straßen klimmen
empor den Hügel, strömen um die Zinnen
und über Plätze, leuchtendes Gewebe.
Doch unter jenem rauhen Netz der Wege
sieht man ein zweites weites Netz sich krümmen,
Kanäle oder Flüsse glitzernd rinnen,
und Boote gleiten unter breite Stege.
Ich steh verwundert, wandere verloren
im riesenhaften Wald von Türmen, Toren…
Dies ist die Altstadt, die kein Ende kennt.
Die steile grüne Böschung hallt mir wider
vom frohen Rhythmus der Gitarrenlieder.
Dies ist die Königin von Flandern: Ghent.

Christina Egan © 2018

Bridge over river lined by ancient stone and brick buildings with steep gables.

In both languages, the poem follows the same strict sonnet form.

There are only five rhymes, placed as: abba – baab – cce – dde. The final line is linked to one other line, with both of them carrying the main message together: “This is the ancient city without end. / This is the Queen of Flanders: this is Ghent.”

There are also enjambments, particularly “it knows / no end”: unusually, a very short sentence is cut in half so that the vastness of the place is felt in the pause at the end of the line.

The verse are also full of assonances and alliterations and other sound clusters, e.g. “verwundert, wandere” and the corresponding “stand astounded”. In this way, the form of the poem corresponds to the content, a description of a web of roads and rivers and a forest of towers and battlements.

Form and content cannot be separated. This is an essay; the above is a poem!

Photographs of Ghent: Christina Egan © 2018.

Sooft die Sonne rot

Sooft die Sonne rot

Sooft die Sonne rot
auf dem Seil des Horizontes steht
und bebt und loht
und schweigt
und steigt und steigt,
als wolle sie der Erde Angesicht entfachen,

so steht das Herz
und schaut und staunt
und schwebt
und schlägt und schlägt
und weiß: die Welt
ist ein errötendes Erwachen
und wird bald ganz in Flammen stehn…

Christina Egan © 1990

Gleam of rising sun through black web of bare branches and twigs.

 

You can get the sense of the text more or less through an automatic translation; but you would have to read it aloud in the original language in order to get the music of the language and the rhythm of the heartbeat…

 

Photograph: Christina Egan © 2017.

 

Bunter Zwirn

Bunter Zwirn

Stone trough with dwarf daffodils, dwarf pansies, and other spring flowers, amongst outbuildings of a palace.Gleich Strängen feiner Fäden
in Regenbogenfarben
sieht man die Blüten weben
im neugebornen Garten.

Rost springt aus Rosenrot,
Grün ist zu Gelb gefiedert:
Hier ist, was sonst sich droht,
in stummem Tanz verbrüdert.

Und auch die Düfte wehn
wie bunter Zwirn verwoben,
doch nur die Bienen sehn
den zweiten Regenbogen!

Christina Egan © 2017

Rhönkalender 2019.

 

Palace grounds of Schloss Fasanerie (Adolphseck) near Fulda, Germany. Photograph: Christina Egan © 2014.

One stanza of this poem in the vein of Eichendorff
has been published in the
Rhönkalender 2019.

gesichter (fotografie / teetasse / verabredung)

gesichter

I.

fotografie

dein angesicht fängt wie ein schrein
den flammenglanz des himmels ein
und stellt ihn zart und zauberbunt
in meines herzens mittelpunkt…
ich bin allein und nicht allein.

II.

teetasse

ich schau in einem schwarzen teich
flüchtig und deutlich ein gesicht
vor einsamkeit und kummer bleich
wie ein gespenst bei mondenlicht…
ich bin es und ich bin es nicht.

III.

verabredung

zwei stimmen stimmen überein
und fremde züge spiegeln sich
zuweilen blütenblätterfein:
auf deines reimt sich mein gesicht!
du weißt es und du weißt es nicht.

Christina Egan © 2012


Two voices which echo each other, two faces which mirror each other, two people who rhyme… Everyone’s dream — and sometimes it comes true.

Dem Freunde

Dem Freunde

Wir brauchen gar nicht viel zu reden
und haben uns doch so rasch erkannt…

Es ist,
als seien wir in einem andern Leben
Hand in Hand
durch die lachenden Felder gerannt
und hätten uns, ernsthaft und atemlos,
ein Versprechen gegeben –

oder als seien unsere Sprachen
eng miteinander verwandt:
dein Gesicht will ich entziffern,
deine Worte erleben
und deine Hand…

Als welche Botschaft, Freund,
sind wir einander gesandt?

Christina Egan © 1990

Zauberspruch zur Winterverbrennung

Zauberspruch zur Winterverbrennung

Lohende Flammen, lohende Glut,
schmelzet den Schnee uns, schmelzet den Frost!
Knisternde Äste, knisterndes Holz,
brechet den Bann uns, brechet das Eis!

Christina Egan © 2016

Ancient manuscript (9th/10th c. AD) in neatly written Old High German.

 

These lines were inspired by two things: the German custom of gathering round huge bonfires to drive the winter out; and those few pagan spells in ancient German which have come down to us.

The sound of the hissing flames and the crackling branches is captured in the verse. The power of winter is interpreted as a spell, an ordeal of darkness and cold, which this spell, the chant or prayer of man, can break.

 

The only pagan spells in Old High German, probably written down in Fulda monastery in the 9th or 10th century AD. – Photograph: Public domain, via Wikimedia Commons.

Irgendein Montag

Irgendein Montag

Was wär das Leben enthoben vom Nebel?
Was wär das Leben mit prallvollem Segel?
Was wär der Tag wo sich alles gelohnt hat?
Irgendein Montag…

Einmal die Plätze und Parks zu durchwandern
im Wissen du bist unterwegs zu dem andern
der deine Augen studiert wie ein Buch
als wärst du die Erde als wärst du genug

Das wär das Leben so wie es gedacht ist
das wär das Leben für das du gemacht bist
das wär der Tag wo sich alles gelohnt hat
irgendein Montag…

Einmal gemeinsam die Nacht zu durchschweben
einmal das Leben zu Ende zu leben
Park in the dusk, with heart-shaped illuminated decoration, forming a frame around a spire in the distance.einmal zu wissen ein einziges Mal
wenn auch zur Zeit nur im Konditional:

Dies wär die Liebe so wie sie gedacht ist
dies wär die Liebe für die du gemacht bist
dies wär der Mensch der wenn er dich küßt
weiß wer du bist

Das wär das Leben so wie es gedacht ist
das wär das Leben für das du gemacht bist
das wär der Tag wo sich alles gelohnt hat
irgendein Montag…

Christina Egan © 2011

Valentine’s Day on Gozo, Malta.
Photograph: Christina Egan © 2018.