gesichter (fotografie / teetasse / verabredung)

gesichter

I.

fotografie

dein angesicht fängt wie ein schrein
den flammenglanz des himmels ein
und stellt ihn zart und zauberbunt
in meines herzens mittelpunkt…
ich bin allein und nicht allein.

II.

teetasse

ich schau in einem schwarzen teich
flüchtig und deutlich ein gesicht
vor einsamkeit und kummer bleich
wie ein gespenst bei mondenlicht…
ich bin es und ich bin es nicht.

III.

verabredung

zwei stimmen stimmen überein
und fremde züge spiegeln sich
zuweilen blütenblätterfein:
auf deines reimt sich mein gesicht!
du weißt es und du weißt es nicht.

Christina Egan © 2012


Two voices which echo each other, two faces which mirror each other, two people who rhyme… Everyone’s dream — and sometimes it comes true.

Dem Freunde

Dem Freunde

Wir brauchen gar nicht viel zu reden
und haben uns doch so rasch erkannt…

Es ist,
als seien wir in einem andern Leben
Hand in Hand
durch die lachenden Felder gerannt
und hätten uns, ernsthaft und atemlos,
ein Versprechen gegeben –

oder als seien unsere Sprachen
eng miteinander verwandt:
dein Gesicht will ich entziffern,
deine Worte erleben
und deine Hand…

Als welche Botschaft, Freund,
sind wir einander gesandt?

Christina Egan © 1990

Zauberspruch zur Winterverbrennung

Zauberspruch zur Winterverbrennung

Lohende Flammen, lohende Glut,
schmelzet den Schnee uns, schmelzet den Frost!
Knisternde Äste, knisterndes Holz,
brechet den Bann uns, brechet das Eis!

Christina Egan © 2016

Ancient manuscript (9th/10th c. AD) in neatly written Old High German.

 

These lines were inspired by two things: the German custom of gathering round huge bonfires to drive the winter out; and those few pagan spells in ancient German which have come down to us.

The sound of the hissing flames and the crackling branches is captured in the verse. The power of winter is interpreted as a spell, an ordeal of darkness and cold, which this spell, the chant or prayer of man, can break.

 

The only pagan spells in Old High German, probably written down in Fulda monastery in the 9th or 10th century AD. – Photograph: Public domain, via Wikimedia Commons.

Irgendein Montag

Irgendein Montag

Was wär das Leben enthoben vom Nebel?
Was wär das Leben mit prallvollem Segel?
Was wär der Tag wo sich alles gelohnt hat?
Irgendein Montag…

Einmal die Plätze und Parks zu durchwandern
im Wissen du bist unterwegs zu dem andern
der deine Augen studiert wie ein Buch
als wärst du die Erde als wärst du genug

Das wär das Leben so wie es gedacht ist
das wär das Leben für das du gemacht bist
das wär der Tag wo sich alles gelohnt hat
irgendein Montag…

Einmal gemeinsam die Nacht zu durchschweben
einmal das Leben zu Ende zu leben
Park in the dusk, with heart-shaped illuminated decoration, forming a frame around a spire in the distance.einmal zu wissen ein einziges Mal
wenn auch zur Zeit nur im Konditional:

Dies wär die Liebe so wie sie gedacht ist
dies wär die Liebe für die du gemacht bist
dies wär der Mensch der wenn er dich küßt
weiß wer du bist

Das wär das Leben so wie es gedacht ist
das wär das Leben für das du gemacht bist
das wär der Tag wo sich alles gelohnt hat
irgendein Montag…

Christina Egan © 2011

Valentine’s Day on Gozo, Malta.
Photograph: Christina Egan © 2018.

Weißer Schnee auf roten Rosen

Weißer Schnee auf roten Rosen

Graue Gänse, grauer Himmel
Stumme Stämme um den Teich
Ungewohntes weißes Flimmern
Und ein Schimmern im Gesträuch

Weißer Schnee auf roten Rosen
Hingesunken über Nacht
Stengel von der Last gebogen
Späte Knospen überrascht

Glowing roses, golden with red rims, standing in thick snow amongst bare trees.Weißer Schnee auf bunter Mütze
Und dein Lachen wie Gesang
Häherschrei von Tannenspitze
Glockenruf minutenlang

Weißer Schnee auf roten Rosen
Weißer Hauch auf rotem Mund
Ja, auch ich hab dich erlesen
Niemals tat ich es dir kund

Erster Schnee auf grauen Gänsen
Jede Flocke wie ein Stern
Weißer Schnee auf roten Rosen
Und ich weiß: Du hast mich gern

Christina Egan © 2017

White snow melting on red roses.
Photograph: Christina Egan © 2017.

This is the second of two love songs which could stand alone or be sung by a woman and a man — from opposite ends of a stage or hall, though…

In White snow on white roses, the first person confesses she (or he) still secretly wishes they had got together a long time ago, and wonders if her friend feels the same.

In White snow on red roses, the second person reveals that he (or she), too, has longed for this relationship all along, but he never lets his friend know… not now either.

Each of them sings into the wind, into the snow… The ‘years that flew away’ like the wild geese in the first poem and the ‘late buds surprised’ by the snow in the second poem show that the pair are at a later stage of life.

Weißer Schnee auf weißen Rosen

Weißer Schnee auf weißen Rosen

Wie die grauen Gänse zogen
Mit dem schneegeladnen Wind
Sind die Jahre uns entflogen
Erst gemächlich dann geschwind

Wie die Flocken niedertaumeln
Daß die Welt zu Weiß gerinnt
deckt die Zeit die bunten Träume
Erst gemächlich dann geschwind

White rose, pink buds, hawthorns, all covered by melting snow.Stehst auch du am stillen Fenster?
Rührt der wilde Schnee auch dich?
Haschst auch du noch Luftgespinste?
Denkst auch du noch stets an mich?

Blumenflammen sind vergangen
Und die Welt wird farbenblind
Niemals hab ich dich umfangen
Niemals gab ich dir ein Kind

Wilder Schnee: ein stummes Tosen
In dem strengen reinen Wind
Weißer Schnee auf weißen Rosen
Erst gemächlich dann geschwind

Christina Egan © 2017

White snow melting on white roses.
Photograph: Christina Egan © 2017.

This is the first of two love songs which could stand alone or be sung by a woman and a man — from opposite ends of a stage or hall, though…

In White snow on white roses, the first person confesses she (or he) still secretly wishes they had got together a long time ago, and wonders if her friend feels the same.

In White snow on red roses, the second person reveals that he (or she), too, has longed for this relationship all along, but he never lets his friend know… not now either.

Each of them sings into the wind, into the snow… The ‘years that flew away’ like the wild geese in the first poem and the ‘late buds surprised’ by the snow in the second poem show that the pair are at a later stage of life.

Spätes Wiederfinden

Spätes Wiederfinden

I.

Die strohgedeckten Hütten sind verschüttet,
und in den Säulengängen haust der Wind.
Mir ist, als spürt’ ich unter meinen Sohlen,
wo eigne Schritte eingezeichnet sind.

Ich schliff das Pflaster unter den Sandalen,
ich legte jenes Pferd ins Mosaik;
ich wurde dort am Wegesrand begraben
mit meinem Krug voll Kummer und voll Glück.

Very irregular pavement.

II.

Mir scheint, ich hätt’ schon vor Jahrhunderten
in deinen Augen wie ein Gast gewohnt.
Und wenn ich nur den Schlüssel wiederfände,
dann hätt’ auch dieses Leben sich gelohnt…

Was zählen da die wenigen Jahrzehnte,
in denen wir einander jetzt versäumt?
Ein kleiner Aufenthalt in deinen Augen
bringt, was ich in Jahrtausenden erträumt.

Christina Egan © 2011


The fifth year of this poetry blog sets off, as always, with a Roman road or another ancient road!

In the first poem, someone finds the place where they lived and died in a former existence; in the second one, they think they have also found their former love…

The location is imaginary. The three images for the former life all have to do with the earth: the feet and shoes; the mosaics in the floor; the grave by the wayside. Two of the images also refer to wandering, our wandering on earth: the soles wearing the pavement down and the horse in the mosaic. The second poem mentions the status of guest; as the psalms express it, we are all guests on earth.


Photograph: Christina Egan © 2016.  International highway, Via Domitia, crossing the forum of Narbonne. I suppose this bit had been much damaged and patched up, since the Romans built entirely straight and smooth roads!

Beginenhof in Ghent

Beginenhof in Ghent

wie finde ich sie wieder
die reihen schwarzer türen
die zu den treppengiebeln
und tulpenbäumen führen

Gate into cobblestone lane with white walls, black doors, and red buildings behind.wie kann ich sie entdecken
die schlichten weißen mauern
die um erblühnde hecken
und rote häuser dauern

gewunden sind die gassen
versperrt von breiten flüssen
geborsten ist das pflaster
und meine schuh zerschlissen

wo nisten die gestalten
in schwarz und weißen trachten
wie hundert flinke schwalben
über den grauen grachten

wo sind die schönen schriftzüge
die weiß auf schwarz verkünden
die heiligen drei könige
wärn manchmal anzufinden

wie finde ich sie wieder
die schweren blanken türen
die durch bestirnte lieder
ins glühnde schweigen führen

Christina Egan © 2018

Two heavy black wooden doors in a white brick wall, with inscriptions as below.

“House of the Three Wise Men” (Three Holy Kings, in other languages) and “House Jesus, Mary, Joseph” at a former Beguinage in Ghent (Klein Begijnhof).

This was a type of convent where the sisters were allowed to go out and also to leave after each year of service. I imagined the story of a woman who wants to rejoin the community and for some reason ‘cannot find it any more’.

Photographs: Christina Egan © 2018.

Hollow Oak / feuerrad

Hollow Oak
(Anglo-Saxon spell)

Two round brooches with circular ornaments in gold and garnet, also glass and shell.Under the circle of branches,
under the tent of the tree,
inside the ring of the brambles,
sit on the roots with me!

Sit on the roots emerging
under the perfect round,
crouch by the tree-trunk surging
hollow from hallowed ground.

Under the circle of oak-leaves,
under the tent of the sky,
blue like the lakes in the valley,
come and sit closer by.

Very bright painting of the earth and universe in concentric circles on a golden background.Sheltered by tangled brambles,
held by the hollow oak,
tingled by ancient prayers,
kiss me and kindle hope!

Christina Egan © 2018

(Epping Forest, Essex)

feuerrad

das eichenlaub vergeht in goldesglanz
als sich das feuerrad der sonne senkt
die eiche hebt die wurzeln wie zum tanz
indes sie ihre hundert äste schwenkt

der eichenstamm rotiert als starke nabe
in jenem reigen zwischen tag und nacht
sein hohlraum bildet eine honigwabe
vom drachenzahn des brombeerstrauchs bewacht

die eiche streckt sich stolz am waldessaum
der sich zum wasserreichen tale neigt
wie gold und kupfer loht der alte baum
der tagstern sinkt das mondrund aber steigt

Christina Egan © 2018

(Epping Forest, Essex)


Illustrations: Anglo-Saxon disc brooches. Author: BabelStone [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons. — 12th century depiction of the world, illustrating a work by 11th century author Hildegard of Bingen.

Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)