Reife Feige
Aufs Pflaster klatscht die Feige,
verlockend süß und groß.
Mein Herz ringt, daß es schweige
und weint und lacht doch bloß.
Es trübt sich und es regnet
und leuchtet wieder neu…
Mir ist das Glück begegnet,
es ging heut früh vorbei.
Es ging mit festen Schritten
und grüßte mich, als ob
auf ungesagte Bitten
es käme her von Gott.
Ich hebe jene Feige
aus ihrem Schattengrund
und koste ihre Reife
mit überraschtem Mund.
Sie will mich trösten, nähren,
unsagbar, unverhofft.
Das Glück wird wiederkehren:
Ich lausche, ob es klopft.
Christina Egan ©2021
RELIGION & PHILOSOPHY
O Land of Ice and Fire
O Land von Eis und Feuer
O Land von Eis und Feuer,
von Salz und Sturm und Schlacken,
wo in der Schwärze Schleier
aus bunter Seide flattern!
O Land von heißen Felsen
und unverhofften Wiesen,
wo Elemente schmelzen
und rauschend weiterfließen!
O Land am Rand der Meere,
am Rand von Raum und Zeit –
O ungeheure Leere
und Himmelsherrlichkeit!
Christina Egan ©2022
O Land of Ice and fire
O land of ice and fire,
of salt and storm and slag,
where in the black a layer
of light hangs like a flag!
O land of seething sands
and sudden dazzling green,
where melting elements
merge in a roaring stream!
O land beyond the seas,
where space and time disperse –
O awesome emptiness
and force of higher worlds!
Christina Egan ©2022
In the Cool of the Evening
In the Cool of the Evening
In the cool of the evening, silver-lit,
when the tide of noise has receded at last,
God walks along the coal-black beach
to listen out for the whispering waves,
to listen out for prayers and sighs,
to look for golden gems in the sand,
to look for purity in the hearts.
Christina Egan © 2016
These lines were inspired by the pristine deep-black beaches of Lanzarote, where you can find lava and, in some rare places, tiny shards of olivine.
The strange idea that God walks on earth in the evening to observe humans stems from the story of Adam and Eve, when they are still in paradise but have lost their purity of heart (Genesis 3,8).
Photograph: Christina Egan ©2017.
Vigil (Du bist die Hand / Your Distant Hand)
Vigil (V)
Du bist die Hand, die mein Gebetbuch hält
in aller Frühe, wenn die laute Welt
noch schlummert wie ein müdgetobtes Kind
und wir die Stimme ihrer Träume sind.
Wir sind der Psalm, der aus der Erde steigt,
wenn Nachtwind noch die Wiesenblumen neigt,
das erste Wechsellied im Weizenfeld…
Du bist die Hand, die mein Gebetbuch hält.
Christina Egan ©1990
Vigil (V)
At dawn, the noisy and unruly world,
just like a tired child, has not yet stirred.
We are the voice of all its dreams: we stand,
my hymnal lifted by your distant hand.
We are the psalm arising from the earth
while night wind is still bending blooming herbs.
We are the chant across the ripening land…
My hymnal lifted by your distant hand.
Christina Egan ©2018
These lines describe the early-morning prayer of Christian monks and nuns: standing up and bowing, chanting and responding to each other… They also imagine an invisible connection between two of them — good friends perhaps, close relatives, or former lovers — who feel that they are praying together across the distance between them.
Photograph: By ignis – Own work, CC BY-SA 3.0.
Psalm (Lachen werden die Seen)
Psalm
(Lachen werden die Seen)
Noch einmal schlagen die Glocken
und schweigen. Tief atmet endlich der See.
Im Laube schweben gleich geronnenem Licht
Tupfer von weichem Weiß und Gelb.
Duftend, betäubend bäumt sich die Erde
ungezähmt in den späten Himmel.
Auf dunkelgoldenen Schwingen
naht von den Bergen die Nacht;
selten sanft und blau wird sie sein
und sterngeschmückt wie eine Braut.
Tanzen, tanzen werden die Berge,
und lachen, lachen werden die Seen!
Christina Egan ©2011
Let the floods clap their hands / let the hills be joyful together!
Die Ströme sollen frohlocken / und die Berge seien fröhlich!
Psalm 98,8
Northern Tenerife in January! Taoro Parque, Puerto de la Cruz.
Photograph: Christina Egan ©2019.
Hinweisschilder
Hinweisschilder
I.
Dies Gedicht hat keine Bilder,
denn die Welt ist ein Gedicht!
Überall sind Hinweisschilder,
überall Scheinwerferlicht!
Doch wir tappen durch die Tage,
rumpeln, rempeln, fallen hin.
Sehn wir je, dann ohne Farbe,
ohne Muster, ohne Sinn.
II.
Manches wird herbeigeschafft,
anderes herbeigeschaffen.
Manches wird herangerafft,
anderes herangelassen.
Manches wird herbeigeredet,
anderes herbeigeschrieben,
manches auch herbeigebetet
oder gar herbeigeschwiegen.
Christina Egan ©2024
You may wonder why I label philosophical musings “Religion” or why my poems on “Religion” do not refer more to a certain creed. Yet for me personally, there is no philosophy without religion. God is present everywhere, whether we feel it or not, and our life is a search for God, whether we know it or not.
As regards Christianity, my poetry is very much inspired by the Scriptures, the hymns, the liturgy, the imagery. I probably owe more to Martin Luther than to any other writer. All German speakers do. It also seems to me that in this secular society, I would most put people off by mentioning that I am a Catholic.
glitzernder schnee
glitzernder schnee
glitzernder schnee
knisternder schnee
nicht kaltweiß sondern
regenbogensprühend
über die dinge
hingebreitet
bis an die weißhäuptigen gipfel
am rande der welt
liegt die
stille
wenn du nur hinschaust
wenn du nur hinhörst
Christina Egan ©2016
Für Sr. Ancilla Wißling
Weiße Seide
Weiße Seide
Jeder Psalm mit sichrer Stimme,
jedes wirre Stoßgebet
ist ein Ruf, der Erd’ und Himmel
unsichtbar zusammenfleht,
ist ein Stich von weißer Seide,
wie auch immer er gerät,
der entzweigerissne Kleider
unbemerkt zusammennäht.
Gottes Mäntel, Gottes Säume
sind die Himmel und die Welt,
die das Echo seiner Träume
Ton um Ton zusammenhält.
Christina Egan ©2020

This poem is published in next year’s calendar of photographs and texts,
Münsterschwarzacher Bildkalender 2025. –
Photograph: Beach of Wyk on Föhr, Germany. Christina Egan ©2014.
Farbe ist Leben / [Colour, Life, Silence]
Farbe ist Leben
Farbe ist Leben,
Stille ist Frieden:
So hab’ ich’s, scheint’s,
erlebt und erschrieben.
Leben ist Farbe,
Stille Musik…
Bunt und bescheiden
blüht mein Geschick.
Wort ist Begegnung,
Sprache Musik…
Zwischen den Zeilen
schimmert das Glück.
Christina Egan ©2024
Inspired by the word cloud Colour, Life, Silence of the 25 English poems I have written over the past months (generated and designed thanks to the Simple Word Cloud Generator).
The word cloud created from this poem, in turn, brought up the corresponding German words, with a number of other words expressing the central term “poem”.
“Erschrieben” is a word I made up for bringing about something by writing, while the regular word “erleben” means experiencing and is passive… or perhaps not!

Photograph of rose quartz: by Ra’ike (Own work)
(GFDL or CC BY-SA 3.0), via Wikimedia Commons.
Ich freue mich
Ich freue mich
Ich freue mich, daß ich geboren bin
zu Morgendämmerung und Abendrot;
ich sage Dank, daß ich erkoren bin
zu nächtlichem Gesang und Mittagslob.
Ich freue mich, daß durch den Vogelruf
das Paradies in unser Schweigen dringt
und oft aus einem alterslosen Buch
ein Sinn in unsre schweren Augen springt.
Ich schaue auf und staune jeden Tag,
daß mich der Himmelsherr mit Namen rief,
noch eh’ es Engel oder Erde gab,
noch eh’ ich still im Mutterleibe schlief.
Ich freue mich, daß durch das Angesicht
des einen Menschen Gott den andern liebt,
wie Sonnenlicht durch bunte Fenster bricht.
Ich freue mich, daß es die Freude gibt.
Christina Egan ©2021

a kind of convent, in Ghent (Klein Begijnhof). Photograph: Christina Egan ©2018.
Written upon the passing of a good friend who had been a nun for 40 years.
Also written for her on the topic of joy through faith and prayer: Die vierte Frucht.




